Denkmäler im Wandel der Zeit

Blogbeiträge von Studierenden eines Projektseminars
am Arbeitsbereich Public History der Universität Hamburg
Sommersemester 2019

Platz der (jüdischen) Deportierten am Dammtor in Hamburg – Foto von Tina Iwen, Kevin Werner

Denkmäler sind wieder en vogue. In den USA werden immer mehr Monumente für ehemalige Civil War-Generäle in Frage gestellt oder sogar gestürzt, weil diese sich ihrerzeit rassistisch äußerten und verhielten. In Deutschland entfachte der Satiriker Shahak Shapira mit der Internet-Kunstaktion“#yolocaust“ eine Debatte zum Umgang mit dem Holocaustmahnmal in Berlin. Und das aktionistische Künstlerkollektiv „Zentrum für politische Schönheit“ stellte eine Nachbildung ebenjenes Denkmals vor das Haus eines AfD-Politikers, weil dieser es zuvor als „Denkmal der Schande“ bezeichnet hatte.

Es scheint an der Zeit, sich der Geschichtssorte Denkmal wieder eingehender aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive zu nähern. Was sind überhaupt Denkmäler? Wie verändert sich die (Be-)Deutung von Denkmälern im Wandel der Zeit? Welche Typen von Denkmälern, z.B. Mahnmal und Kriegerdenkmal, gibt es und wie verändern sie sich über die Zeit? Wie wird mit kontroversen Denkmälern umgegangen?

Diesen und weiteren Fragen widmete sich das Projektseminar „Denkmäler im Wandel der Zeit“ im Arbeitsbereich Public History an der Universität Hamburg im Sommersemester 2019 unter der Leitung von Mara Weise. In diesem Seminar sind Podcasts und Blogbeiträge entstanden, die sich auf unterschiedlichste Weise mit einzelnen Denkmälern und den genannten Fragen auseinandersetzen.

Da „Public History“ im Seminar auch als Austausch mit der Öffentlichkeit verstanden wurde, beschloss das Seminar gemeinsam, die Blogbeiträge auf diese Weise der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Viel Spaß beim Lesen!

Die Podcasts sind ebenfalls öffentlich zugänglich unter: https://geschichtssorten.blogs.uni-hamburg.de/denkmal-podcasts-denkmaeler-im-wandel-der-zeit/#more-975
oder
https://lecture2go.uni-hamburg.de/l2go/-/get/l/5167


Überblick über die Beiträge

1. Benjamin Hufnagel: Krieger und Kulturschaffende

2. Chris Stölting: Das Bismarck Denkmal

3. Katja Evers: Vom Schlussstrich zum Holocaust-Tourismus

4. Marlene Draing: „Fahrt über den Styx“

5. Raja Nicolaisen: Das Denkmal der Helden des Ghettos

6. Tina Iwen: Streitpunkt „Stolpersteine“

7. Helena Neumeier: Kriegsdenkmal Stellingen


Krieger und Kulturschaffende

Die Pluralisierung in der Denkmalssetzung hat nur die Motive verändert – eine kritische Betrachtung ist weiterhin gefordert

Benjamin Hufnagel

I.

Welcher historischen Persönlichkeit sollte man auf einem zentralen Platz in Berlin ein echtes #Denkmalerrichten?“[1] fragte der TV-Satiriker Jan Böhmermann am 23. Juni 2019 auf Twitter. Böhmermann lud die Leser*innen dazu ein, in der Kommentarfunktion seines Postings Vorschläge zu machen. „Möglichst VIELE Menschen sollten etwas positives mit dieser Persönlichkeit verbinden“[2], war dabei die einzige Bedingung des Satirikers. Die Ergebnisse seiner Umfrage wertete Böhmermann später in einer Folge seines Podcasts Fest & Flauschig gemeinsam mit seinem Kollegen Olli Schulz aus.

Nun ist die Gruppe derjenigen, die sich an einem böhmermännischen Twitter-Aufruf beteiligen, sicherlich kein repräsentativer Querschnitt der Gesellschaft, aber es ist trotzdem interessant zu sehen, über welche möglichen Denkmäler Böhmermann und Schulz in Betrachtung der Umfrage ins Gespräch kommen. Neben Größen der deutschen Satire- und Humorkultur wie Loriot oder Kurt Tucholsky, sprechen sie über mehr oder minder bekannte TV-Persönlichkeiten, wie Peter Lustig oder Antje, das Walross und über die Sportler Michael Schumacher und  Nico Rosberg.[3] Wenig überraschender Weise wird nicht über Politiker oder Militärs geredet, vermutlich lag das an der Bedingung, die Böhmermann in seinem Tweet stellte, nur beliebte Vorschläge zu machen. Zwar waren entsprechende Denkmäler zu bestimmten Zeiten durchaus populär, im Laufe der Jahrhunderte haben sich jedoch die Möglichkeiten zur Denkmalssetzung und deren Identifikationsangebot stark geändert. So wurden mit der Zeit andere Bevölkerungsgruppen als „denkmalswürdig“ erachtet. Aus Denkmälern für Fürsten wurden welche für Fußballspieler, statt dem Krieg geriet vermehrt der Kulturbetrieb in den Fokus von Denkmalssetzungen. Heutzutage gibt es eine wachsende Zahl an Denkmälern, verschiedenster Stiftungsinstanzen. Die Hintergründe und Funktionen von Denkmälern sind indes die gleichen geblieben, weshalb es umso wichtiger erscheint, sich eingehend mit ihnen auseinander zu setzen.

II. 

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff Denkmal recht weit gefasst. Neben plastischen Darstellungen auf öffentlichen Plätzen, kann er auch Gebäude oder sogar Objekte aus der Natur umfassen.[4] Im Folgenden werden jedoch plastische Denkmäler in den Fokus gerückt und es werden nur sogenannte „gewollte“ Denkmäler betrachtet. Diese Definition geht auf den Kunsthistoriker Alois Riegl zurück und unterscheidet zwischen Denkmälern, die bewusst zu einem bestimmten Zweck errichtet wurden und solchen, die erst mit der Zeit einen solchen Zweck erhalten haben.[5] Dieser Zweck ist die Erinnerung an eine bestimmte Person oder eine Personengruppe. Häufig wird auch bestimmter Ereignisse gedacht, der Fokus im Folgenden liegt jedoch auf Personendenkmälern. Die Erinnerungsfunktion des Denkmals ist dabei nicht nur gegenwärtig zu verstehen, sondern beinhaltet auch einen Auftrag für die Zukunft.[6]

Hinter jedem Denkmal steht eine ganze Reihe an gestalterischen Entscheidungen, die getroffen werden mussten. Die Fragen, wer oder was an welchem Ort und auf welche Weise dargestellt wird, werden in aller Regel nicht von der Künstlerin oder dem Künstler entschieden, sondern von jenen, die das Denkmal in Auftrag gegeben haben. Sie entscheiden darüber, wer oder was ein Denkmal bekommt. Sie entscheiden, wie dieser Person(engruppe) oder diesem Ereignis gedacht werden soll, darüber, wie das Erinnern manifestiert wird. Letztendlich entscheiden die Auftraggeber*innen also, wie erinnert werden soll. Natürlich kann eine kritische Denkmals-Dekonstruktion die Motive der Auftraggeber*innen versuchen nachzuvollziehen und die Betrachter*innen können ihre eigene Meinung zum Denkmal und dem dort Dargestellten entwickeln. Dennoch ist es wichtig zu bedenken, dass ein Denkmal mitunter mehr über die gesellschafts-politischen Umstände seiner Entstehung aussagt, als über dasjenige, was eigentlich abgebildet ist.[7]

Die Errichtung eines Denkmals ist immer der Versuch, eine bestimmte Sichtweise zu manifestieren. Personen oder Personengruppen verdichten ihre Sichtweise auf historische Zusammenhänge in einfacher Symbolik und erschaffen sich somit eine Deutungshoheit über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es wird eine bestimmte Erinnerung für die Zukunft erzählt und somit ein Identifikationsangebot geschaffen.[8] Im 19. und 20. Jahrhundert wurden Denkmäler daher häufig für die Stiftung einer staatlichen Identität genutzt. Bekannt sind zahlreiche Denkmäler für Fürsten und Feldherren, allerdings setzte mit der Spätaufklärung auch eine Demokratisierung des Denkmalwesens ein. Es wurden auch bürgerliche Eigenschaften und Personen als erinnerungswürdig betrachtet. Es entstanden Denkmäler für Kultur oder Wissenschaft. Die Finanzierung von Denkmälern veränderte sich und verschiedene Entwürfe wurden zunehmend diskutiert. Ausschreibungen und Wettbewerbe wurden üblich, die Öffentlichkeit war an der Entstehung des Denkmals beteiligt.[9] Durch die Demokratisierung von Denkmälern nahm auch die Kritik an ihnen zu. Während es bis Ende des 19. Jahrhunderts noch um die Art und Weise des Dargestellten ging, kam um die Jahrhundertwende vermehrt Kritik an der stetig wachsenden Zahl von Denkmälern auf. Zeitgenössische Kritiker verwendeten sogar Krankheitsmetaphorik, um ihrem Unmut über die unregulierte Entstehung von Denkmälern Ausdruck zu verleihen.[10]

III.

Von verschiedener Seite wurden im 19. Jahrhundert Denkmäler dazu genutzt, eine kulturelle und nationale Einheit darzustellen. Es wurden Denkmäler für politische Führungspersonen, wie Friedrich den Großen, errichtet. Auch von bürgerlicher Seite wurde ab den 1830er-Jahren eine ganze Reihe von Denkmälern aufgestellt. Es entstanden zahlreiche Denkmäler für kulturelle Berühmtheiten, wie Schiller, Goethe und Hegel.[11] Nach der Reichsgründung wurden weitere (Groß-)Denkmäler zur nationalen Identifikation errichtet. Neben dem Hermannsdenkmal entstanden auch zahlreiche Denkmäler für Kaiser Wilhelm oder Otto von Bismarck.[12] Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu einer engen Verknüpfung von Nationaldenkmälern und Kriegsdenkmälern. Durch das Massensterben geriet der individuelle Soldat aus dem Blickfeld und seine Erinnerung wurde Teil von allgemeineren Denkmälern.[13] Denkmäler wurden nach 1945 mit Blick auf die Geschichte zudem häufig als Propagandawerkzeuge einer mächtigen Obrigkeit kritisiert.[14] Tatsächlich bot der kultische Umgang mit Denkmälern totalitären Staaten die Möglichkeit zur Identitätssteigerung.[15] Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es die Verbände der Opfer von Krieg und Nationalsozialismus, die sich für sichtbare Mahnmale einsetzten. Heutzutage hat sich die Vielfältigkeit der Gruppen, die Denkmäler errichten können, weiter gesteigert und immer mehr historische Orte bieten Identifikationsmöglichkeiten.[16]

Es lässt sich festhalten, dass die Errichtung von Denkmälern immer der Manifestation von Sichtweisen der sie errichtenden Gruppe dient. Es wird ein bestimmter Blick auf die Vergangenheit, ein bestimmter Zusammenhang mit der Gegenwart und damit eine bestimmte Bedeutung für die Zukunft vermittelt. In seiner politischen Dimension wird das besonders bei Denkmälern deutlich, die eine nationale Identität ermöglichen. Diese müssen keine Reiterstandbilder von Kaiser Wilhelm sein, auch Denkmäler für Dichter und Wissenschaftler entstanden oftmals aus dem Wunsch nach nationaler und kultureller Identität. Doch Denkmäler stiften nicht nur nationale Identität. Künstlerdenkmäler manifestieren auch die Vorstellungen einer bestimmten, womöglich elitären Gruppe. Durch Denkmalssetzungen erhalten Eliten und andere Gruppen die Deutungshoheit über ein bestimmtes Stück Vergangenheit und können so ihre Interpretation der Gesellschaft verbreiten. Denkmäler manifestieren eine subjektive Sichtweise auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dies gilt eben nicht nur für Herrscherdenkmäler. Auch Denkmäler für Gelehrte oder für Künstler stehen für die Sichtweisen einer bestimmten Gruppe.[17]

IV.

Auf den ersten Blick mag es seltsam erscheinen, dass sich zwei Prominente des Kulturbetriebs, wie Böhmermann und Schulz, mit der Frage beschäftigen, ob man Antje, dem Walross, ein Denkmal setzen sollte. Tatsächlich aber wird bereits seit der Spätaufklärung darüber diskutiert, wem man welches Denkmal bauen sollte. Der öffentliche Diskurs über Objekt und Gestalt von Denkmälern festigte sich bereits im 19. Jahrhundert. Denkmäler boten einer bestimmten Elite die Möglichkeit, ein Stück Deutungshoheit über die Geschichte zu erlangen. Sie konnten Identität und Sinn stiften, solange sich die Menschen damit identifizieren konnten. Häufig erfüllten diese Funktion Personendenkmäler von Herrschern, allerdings wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts besonders kulturelle Persönlichkeiten verewigt.

Dieses breite Interesse an der Stiftung einer kulturellen Identität erscheint im Blick auf die Gegenwart relevant. Personen, die mit Macht und Krieg assoziiert werden, sind aus der Mode gekommen, Denkmäler werden mitunter als Propaganda der Elite verstanden. Dennoch sind ein breites Interesse an kultureller Identität und der Zuspruch zu Denkmälern noch immer zu bemerken. Die Vorschläge auf Jan Böhmermanns Umfrage, die dieser in seinem Podcast diskutiert, stammen aus dem kulturschaffenden Bereich. Sie stehen in guter Vereinbarkeit zu bereits existierenden Denkmälern für Sportler*innen oder Musiker*innen. Auch diese Denkmäler bieten ein Identitätsangebot, denn wie schon im 19. Jahrhundert gibt es eine Nachfrage nach nationaler und kultureller Identität. Aus diesem Grund sind Denkmäler auch immer noch aktuell. Doch auch diese Denkmäler verfestigen immer noch die Sichtweise bestimmter Gruppen auf die Vergangenheit. Die Anzahl derjenigen Gruppen, die ihre Sichtweise manifestieren steigt immer weiter. Die Vielfalt von Identifikationsangeboten nimmt zu. Im Falle einer kulturellen Identifikation durch Antje, das Walross, mag dies bedeutungslos erscheinen, im Hinblick auf nationale Identifikation durch Personen aus der deutschen Geschichte, sollte es jedoch im Bewusstsein bleiben. Jedes Denkmal steht für eine bestimmte Sichtweise auf die Vergangenheit und jedes Denkmal manifestiert diese Sichtweise für die Zukunft. Denkmälern kritisch zu begegnen, heißt also, Sichtweisen zu hinterfragen und gegebenenfalls die eigene Interpretation und Identifikation entgegen zu halten.


[1] Twitter: @janboehm, 23. Juni 2019, 02:24 Uhr; (https://twitter.com/janboehm/status/1142725133724979200), zuletzt eingesehen: 29.08. 2019.

[2] Ebd.

[3] Fest & Flauschig: Fanta, Caprisonne, Bubbles Blaubeer, 30. Juni 2019, Minute 40.30 – 50.05; hörbar z.B. unter: https://open.spotify.com/episode/1qh77zNuQ8NC86j9EAw42C?si=EO7mWA2JQFWxA_nxL6rNPQ (zuletzt eingesehen am 29.09. 2019).

[4] Hardtwig, Wolfgang: Denkmal, in: Bergmann, Klaus u.a. (Hg.): Handbuch der Geschichtsdidaktik, 5. Aufl., Seelze-Velber 1997, S. 747.

[5] Adam, Hubertus: Denkmäler und ihre Funktionsweise, S. 9. 

[6] Adam, Denkmäler, S. 9; Hardtwig, Denkmal, S. 747; Sigel, Paul: Denkmal, in: Jordan, Stefan; Müller, Jürgen (Hg.): Lexikon Kunstwissenschaft. Hundert Grundbegriffe, Stuttgart 2012, S. 91.

[7] Adam: Denkmäler, S. 12f.

[8] Hardtwig: Denkmal, S. 747, 751.

[9] Ebd., S. 748.

[10] Hardtwig: Denkmal, S. 748; Adam: Denkmäler, S. 10.

[11] Hardtwig: Denkmal, S. 748.

[12] Ebd.

[13] Hardtwig: Denkmal, S. 748; Koselleck: Totenkult, S. 15.

[14] Hardtwig: Denkmal, S. 750, Adam: Denkmäler, S. 10.

[15] Hardtwig: Denkmal, S. 750.

[16] Ebd.

[17] Ebd., S. 751.

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Das Bismarck Denkmal

Zur Zukunft eines umstrittenen Denkmals.

Chris Stölting

Das Bismarck Denkmal ist wohl das auffälligste Denkmal in Hamburg. Gelegen im Elbpark ist es das größte Standbild von Bismarck weltweit.[1] Zwischen der Stadt Hamburg und der Person Bismarck bestand historisch ein schwieriges Verhältnis. Daher wurde das Denkmal in dem 1901 ausgeschriebenen Wettbewerb auch eher als Denkmal an das Kaiserreich im Ganzen verstanden.[2]

Seit der Zeit seiner Entstehung steht das Denkmal daher bei den Hamburgern in der Kritik. Eine Kritik, die auch nicht weniger wurde als das Kaiserreich in die Weimarer Republik überging und erneut, als die NS-Diktatur, in der es vergleichsweise wenig Kritik am Denkmal gab, zur Bundesrepublik wurde. Auch in der aktuellen Debatte ist die Statue immer wieder kontrovers vertreten. Besonders aktuell ist das Thema momentan, da erneut über eine Restaurierung der Gedenkstätte debattiert wird.[3] Gestiegene Kosten dieser Restauration, unvorhergesehene Schäden an der Bausubstanz und Verzögerungen des Beginns der Arbeiten brachten das größte Denkmal Hamburgs in der letzten Zeit wieder in die Medien.[4]

Allerdings ist das Bismarck Denkmal historisch keinesfalls nur auf Kritik gestoßen. Für den Bau des Denkmals wurden in Hamburg 400.000 Reichsmark aus privaten Mitteln gespendet. Eine staatliche Beteiligung an dem Bau der Statue gab es nicht.[5] Allgemein scheint die Gedenkstätte in einer Zeit der Bismarckbegeisterung errichtet worden zu sein. In dem ausgeschriebenen Wettbewerb wurden 219 Entwürfe aus allen Teilen des Deutschen Reiches eingereicht. Über den Zweck des Denkmals gab es wohl unterschiedliche Ansichten. Oben habe ich bereits eine Position erwähnt, nach der die Statue eher als Denkmal an das Deutsche Reich gesehen wurde. Zwei mir vorliegende Zeitungsausschnitte belegen jedoch, dass die Gedenkstätte von Teilen der Bevölkerung vor allem als Ehrung der Person Bismarcks gesehen wurde.[6] Wirft man einen näheren Blick auf die Siegerentwürfe des Wettbewerbs scheint sich zu bestätigen, dass sich beide Positionen in der deutschen Bevölkerung dieser Zeit wiederfinden ließen. Einer der zweitplatzierten Entwürfe verzichtet gänzlich auf die Darstellung von Bismarck als Person zugunsten eines Löwen. Kombiniert mit dem Titel „Unser Stolz“ lässt sich dieser Entwurf eher als ein Gedenken an das Deutsche Kaiserreich im Allgemeinen sehen. Das erstplatzierte Konzept mit der heute sichtbaren großen Bismarckstatue geht eher in die Richtung der personenbezogenen Glorifizierung, auch wenn die vollständigen Pläne bezüglich des Denkmalbaues nie realisiert wurden.[7] Ich bin durch einen Diskurs in einem Seminar der Universität Hamburg auf die aktuelle Debatte um das Denkmal und die gesellschaftliche Brisanz dieses Themas aufmerksam geworden. In dieser Diskussion ging es darum, eine angemessene Lösung für die Zukunft der Statue zu finden. Schnell wurde deutlich, dass das Seminar sehr unterschiedliche Positionen hinsichtlich der Zukunft des Denkmals einnahm. Von einem Abriss bis zu einer kompletten Aufarbeitung des Denkmals wurden viele mögliche Lösungen angesprochen. Da es aber in diesem Gespräch nicht gelang, eine für alle Parteien zufriedenstellende Lösung zu finden, möchte ich nun in diesem Text einige Möglichkeiten aufzeigen. mit einem solchermaßen umstrittenen Denkmal angemessen umzugehen. Ich werde versuchen, möglichst unterschiedliche Lösungswege zu beachten und vielfältige Beispiele zu verwenden.

Mehrmals gab es in der Geschichte der Bundesrepublik bereits Bestrebungen, den Gedenkort anders zu gestalten. Im Jahr 1960 sollte der Elbpark im Rahmen einer internationalen Gartenbauausstellung umgestaltet werden. Anstelle der Statue wollte man einen Aussichtsturm errichten. Abgewendet wurde dieser Abriss dadurch, dass die Gedenkstätte unter Denkmalschutz gestellt wurde.[8] 2015 gab es die Idee, den Sockel des Bismarck Denkmals in eine Diskothek zu verwandeln. Auch dieser Vorschlag wurde nicht umgesetzt. Mehrmals war das Bismarck Denkmal in der jüngeren Vergangenheit Gegenstand politischer und künstlerischer Unternehmungen und Proteste.[9] Auch Debatten darüber, im Sockel des Denkmals eine Dauerausstellung aufzubauen, gab es in der Vergangenheit.[10] Die nun angestrebte Restaurierung für 13 Millionen Euro soll vor allem statische Probleme der Bismarckstatue lösen. Aktuell steht diese schief und ist daher einsturzgefährdet.[11] Diese Restauration ist aus statischer Sicht schon seit langem nötig, wenn man das Denkmal erhalten will. Bei der Eröffnung 1906 war das Denkmal bereits zwei Meter höher als ursprünglich geplant. Dies gefährdete die Statik. Weiteren Einfluss darauf nahmen zudem der Umbau des Sockels zu einem Luftschutzbunker im Zweiten Weltkrieg sowie ein Bombeneinschlag in der Nähe.[12]

Möchte man über einen weiteren Umgang mit dem Bismarck Denkmal debattieren, ist zuerst ein Blick auf die historische Bedeutung des Denkmals notwendig. Dabei ist nicht nur die bereits zu Anfang besprochene Absicht hinter der Errichtung des Denkmals von Bedeutung, sondern auch dessen weitere Entwicklung und Nutzung. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Denkmal von nationalkonservativen und völkischen Gruppen für Versammlungen und Fackelläufe genutzt. Mit dem Ausbau des Sockels zu einem Luftschutzbunker im Nationalsozialismus wurden in diesem diverse Malereien angebracht. Dabei handelt es sich vor allem um nationalsozialistische Symbole. Warum diese dort angebracht wurden, konnte bis heute nicht zweifelsfrei geklärt werden.[13] Nach dem Krieg versuchte man, die Statue durch das Pflanzen von Bäumen zu verstecken. Erst zum Ende des 20. Jahrhunderts ließ man diese wieder stutzen.[14] Bis zur jetzt angedachten Restauration lässt sich der Umgang der Stadt mit dem Denkmal folglich als eher passiv beschreiben. Es wurde vor allem dem Verfall überlassen. In seinem aktuellen Zustand sind auf dem Sockel viele Graffitis zu sehen. Eine Kontextualisierung des Denkmals findet hingegen nicht statt.

Es gibt nun mehrere Möglichkeiten, mit dem Denkmal weiter umzugehen. Man kann die Statue in ihrem aktuellen Zustand belassen und nur Maßnahmen treffen, die statisch notwendig sind. Diese Herangehensweise würde das Denkmal erhalten, jedoch nicht zu einer Aufarbeitung oder einer Kontextualisierung beitragen. Ich persönlich halte diese Herangehensweise für problematisch, da der Raum, welcher durch die Gleichgültigkeit gegenüber dem Denkmal geschaffen wird, politischen Randgruppen die Möglichkeit bietet, die Bismarckstatue für ihre eigene Ideologie zu instrumentalisieren.

Die wohl radikalste Vorgehensweise wäre der Abriss der Gedenkstätte. Diese Art des Umgangs mit Denkmälern wäre auch nicht ohne Beispiele aus der aktuellen Zeit. In den USA werden in einer aktuellen Debatte um das Erbe der Sklaverei momentan verstärkt Denkmäler von Persönlichkeiten aus den konföderierten Staaten abgebaut. Entscheidendes Argument für den Rückbau ist hier, dass die Positionen und das Leben der hier geehrten Personen nicht mehr mit den modernen Ansichten in den USA vereinbar sind. Die öffentliche Ausstellung von ehemaligen Sklavenbesitzern wird hier als nicht mehr zeitgemäß empfunden.[15] Ein ähnliches Vorgehen wäre für die Bismarckstatue denkbar. Sowohl das Handeln Bismarcks gegenüber den Gewerkschaften und den Sozialdemokraten als auch die Instrumentalisierung des Denkmals durch Nationalsozialisten in den folgenden Jahren entsprechen zweifellos nicht mehr der Weltanschauung in der modernen Bundesrepublik. Gleichzeitig ist bei der Entfernung eines Denkmals auch immer Vorsicht geboten. Aktuell gibt es beispielsweise in Polen Bestrebungen, durch den Abriss zahlreicher Denkmäler aus der Zeit der Sowjetunion einen Teil der eigenen Geschichte zu tilgen.[16] Dies sorgte zuletzt für internationalen Widerstand.

Wie bereits oben erwähnt wurde weiterhin vorgeschlagen, das Denkmal durch eine Nutzung als Biergarten oder Diskothek wieder neu zu beleben. Ein Vorteil dieser Idee wäre, dass der Raum um die Statue im Falle einer solchen Umnutzung neu erschlossen werden würde. Das Bismarck Denkmal würde wieder mehr in die öffentliche Wahrnehmung geraten und gleichzeitig in unsere moderne Gesellschaft eingebunden werden. Auch eine mögliche Ideologisierung durch radikale Gruppierungen könnte so unterbunden werden. Ebenfalls wurde diskutiert, das Denkmal zu kontextualisieren. Hierfür gab es mehrere Vorschläge: man könnte einige erklärende Tafeln anbringen oder im Sockel eine Dauerausstellung errichten. Auch die Einrichtung eines Museums im Sockel wurde vorgeschlagen. Der Vorteil dieser Lösung wäre, dass das Denkmal erhalten bleibt und in einen Kontext gestellt wird. Somit könnte das Bismarck Denkmal dazu beitragen, die historischen Ereignisse im deutschen Kaiserreich und im Nationalsozialismus zu verstehen und aufzuarbeiten. Dazu käme, dass Hamburg nicht einen weiteren Teil seines historischen Erbes verlieren würde.

In der Debatte im Kurs wurde weiterhin vorgeschlagen, das Denkmal zwar abzubauen, es jedoch entweder vollständig oder in Teilen in eines der Hamburger Museen zu translozieren. Eine Kontextualisierung des Denkmals wäre so weiterhin möglich, allerdings ohne die Kosten für Restauration und weitere Instanthaltung tragen zu müssen. Auch wäre somit eine gänzliche Umgestaltung des Elbparks möglich.

Weiter gibt es die Möglichkeit, ein Gegendenkmal zu errichten. Ein gutes Beispiel für eine solche Herangehensweise liefert das Kriegerdenkmal am Dammtor in Hamburg. Dieses ist in seiner ursprünglichen Aussage ebenfalls nicht mehr mit unseren heutigen Werten vereinbar, anstatt eines Abrisses entschied man sich jedoch dafür, es mit zwei Gegendenkmälern in einen historischen Kontext zu setzen. So ist es weiterhin Teil des Stadtbildes, in seiner Botschaft ist es jedoch in einen modernen Blickwinkel eingebunden worden.

Ich persönlich bin gegen einen Abriss des Bismarck Denkmals. Nicht zuletzt die Beispiele aus Polen zeigen, dass man seine Vergangenheit nicht bewältigt, indem man sie aus seinem Alltag verbannt. Insbesondere in Hamburg halte ich es für wichtig, dass die Gedenkstätte weiterhin existiert, da Hamburg nur noch wenige Stellen von solch historischer Bedeutung besitzt. Auch aufgrund der Einmaligkeit der Statue als das weltweit größte Bismarckdenkmal und aufgrund der vielschichtigen Beziehung Hamburgs zu der Person Bismarck halte ich einen Fortbestand des Denkmals für wesentlich. Eine Kontextualisierung des Denkmals ist meiner Meinung nach jedoch ebenso bedeutend. Es ist wichtig, dass das Bismarck Denkmal erläutert wird. Auch auf den Sockel mit seinem Bunker und den Wandmalereien aus dem Nationalsozialismus sollte eingegangen werden. In meiner Idealvorstellung sollte die Gedenkstätte neu erschlossen und einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. Diesen zentral gelegenen Ort neu zu beleben, um ihn vor radikalen Einflüssen zu schützen, hat für mich bei einem zukünftigen Umgang mit dem Denkmal Priorität. Eine einfache Restaurierung ist hier meiner Meinung nach keinesfalls ausreichend. Ein Café oder ein Biergarten kann zu dieser Erschließung beitragen. Ein Museum oder eine Dauerausstellung im Sockel des Denkmals halte ich für eine sinnvolle Idee, um dieses zugänglicher zu machen.

Ich habe mich bemüht, in diesem Text mehrere Möglichkeiten aufzuzeigen, mit dem Bismarck Denkmal umzugehen. Für besonders wesentlich halte ich es jedoch, dass in irgendeiner Art und Weise mit dem Denkmal verfahren wird. Eine Beibehaltung des Status Quo kann keine Alternative sein. Meiner Meinung nach sollte die Stadt das Bismarck Denkmal nicht länger als eine Belastung sehen, sondern als eine Chance sich in einer angemessenen Art mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.


[1]O.A., Bismarck Denkmal Hamburg. Der Koloss im Elbpark, URL: https://www.hamburg.de/sehenswuerdigkeiten/1074822/bismarck-denkmal/ (eingesehen am 19.08.2019).

[2]Ebd.

[3]O.A., Sanierung von Bismarck-Denkmal erst ab 2020, 30.07.2019, URL: https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Sanierung-von-Bismarck-Denkmal-erst-ab-2020,bismarckdenkmal208.html (eingesehen am 19.08.2019).

[4]Ebd. Siehe auch hier für eine genaue Beschreibung der Mängel und Verzögerungen.

[5]O.A., Bismarckdenkmal, URL: https://www.mein-altes.hamburg/bauwerke-und-pl%C3%A4tze-des-hamburger-stadtbildes/das-bismarckdenkmal/ (eingesehen am 27.08.2019).

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] O.A., Heimatkunde: Bismarckdenkmal, 03.11.2018, ULR: https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/hamburg_journal/Heimatkunde-Bismarck-Denkmal,hamj55228.html (eingesehen am 27.08.2019).

[9] Ebd.

[10] O.A., Bismarck-Denkmal. Was passiert mit dem Sockel?, 20.01.2019, URL: https://www.bild.de/regional/hamburg/hamburg-aktuell/bismarck-denkmal-was-passiert-mit-dem-sockel-59660370.bild.html (eingesehen am 27.08.2019).

[11] O.A., Heimatkunde: Bismarckdenkmal.

[12] Pfafferrott, Christa: Bismarck bröckelt, 19.04.2017, URL: https://www.zeit.de/hamburg/kultur/2017-04/bismarck-denkmal-statue-reeperbahn-st-pauli (eingesehen am 27.08.2019).

[13] Ebd.

[14] Ebd.

[15] Millet, Pierre: USA: Das Ende der Konföderierten-Denkmäler, 22.08.2017, URL: https://info.arte.tv/de/usa-das-ende-der-konfoederierten-denkmaeler (eingesehen am 27.08.2019).

[16] O.A., Polen will Sowjet-Denkmäler schleifen, 06.10.2017, URL: https://www.mdr.de/heute-im-osten/polen-sowjetische-denkmale-abriss-100.html (eingesehen am 27.08.2019).

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Vom Schlussstrich zum Holocaust-Tourismus

Ein Überblick über die Entwicklung der deutschen Erinnerungskultur 1945-2019

Katja Evers

In den 74 Jahren, die seit der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager im Frühjahr 1945 vergangen sind, unterlagen Erinnerung und Gedenken an die Verbrechen des NS-Regimes einem stetigen Wandel. Öffentliches Schweigen und wiederholte Forderungen nach einem endgültigen Schlussstrich beherrschten Jahrzehnte lang jegliche Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlich stark tabuisierten Thema. Durch das unnachgiebige Engagement Überlebender, Angehöriger und Anderer, die sich solidarisierten, konnte allmählich eine Gedenk- und Erinnerungskultur entstehen, die ihren Ausdruck besonders in den institutionalisierten Gedenkstätten an historischen Orten nationalsozialistischer Verbrechen findet. Gegenwärtig werden allein die bekannteren deutschen KZ-Gedenkstätten jährlich von über 2,5 Millionen Interessierten besucht.[1]

Doch welche Entwicklungen führten zur gegenwärtigen Ausprägung der deutschen Gedenk- und Erinnerungskultur? Und welche Tendenzen gibt es hinsichtlich dieser aktuell zu beobachten? Diese Fragen sollen im Folgenden in komprimierter Form eine Beantwortung finden. Da es sich hier um ein äußerst heterogenes und kontrovers diskutiertes Thema handelt, muss sich dabei auf ausgewählte Aspekte der Entwicklung in der Bundesrepublik beschränkt werden, die dabei außerdem beispielhaft an dem lokalen Fall Hamburgs und dessen Umgang mit dem ehemaligen Konzentrationslager Neuengamme dargestellt werden sollen.[2]

Das KZ Neuengamme, im 25 Kilometer vom Hamburger Stadtkern entfernten Bezirk Bergedorf gelegen, war mit seinen über 100.000 Häftlingen das größte Konzentrationslager Nordwestdeutschlands und bestand von 1938 bis 1945.[3] Nach der Befreiung der nordwestdeutschen Konzentrationslager im Mai 1945 wurde in Hamburg jedoch bis zum Ende der 70er Jahre größtenteils über diesen Teil der Stadtgeschichte geschwiegen. Grund  für die jahrzehntelange Schlussstrich-Politik Hamburgs waren besonders die vormalige enge Zusammenarbeit der Stadt mit der Lager-SS in Neuengamme sowie der Unwille, sich mit der daraus resultierenden Mitschuld auseinanderzusetzen.[4] So wurde 1948 auf dem Gelände des Häftlingslagers im ehemaligen  Konzentrationslager ein Männergefängnis (JVA Vierlande, JVA XII) eröffnet, welches 1970 noch durch eine zweite Justizvollzugsanstalt (Jugendanstalt Vierlande, JVA IX) auf dem Gelände ergänzt wurde. Für die Einrichtung der beiden Gefängnisse wurden große Teile des einstigen Lagers abgerissen oder baulich verändert.[5]

Erst die Ausstrahlung der amerikanischen Serie „Holocaust“ 1979 regte in der Stadt eine wirkliche Auseinandersetzung mit der eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit an, woraufhin die Initiative „Dokumentationsstätte Neuengamme“ entstand.[6] Zuvor waren zwar schon 1953 der Bau einer ersten Gedenksäule und 1965 die Einrichtung einer Denkmalanlage durchgesetzt worden, doch erst die Eröffnung eines Dokumentenhauses 1981 (als direkte Folge des Engagements jener Initiative) lässt sich als tatsächlicher Umbruch hin zur Aufarbeitung der hansestädtischen NS-Vergangenheit ansehen.[7] Dennoch vergingen weitere zwei Jahrzehnte bis 2005, zum 60. Jahrestag der Befreiung, die neu gestaltete Gedenkstätte eröffnet wurde, welche nun fast das gesamte Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers umfasste; die beiden Justizvollzugsanstalten waren erst kurz zuvor nach langjährigen Verhandlungen umgelegt und deren Gebäude größtenteils abgerissen worden.[8]

Wenn auch der Fall Neuengamme nicht pauschal als Beispiel für die Auseinandersetzung anderer bundesrepublikanischer Städte mit ihrer NS-Vergangenheit gelten kann[9], lassen sich an ihm doch die ausschlaggebenden Schritte der Entwicklung hin zu einer Erinnerungskultur der Bundesrepublik erkennen. So entschied man sich auf politischer Ebene schon zu Beginn der 50er Jahre dazu, die Vergangenheit nicht aufzuarbeiten und beispielsweise die von den Alliierten begonnenen Kriegsverbrecherprozesse nicht weiterzuführen; stattdessen wurde weitgehend ein Schlussstrich gezogen. Weder öffentlich noch in der Geschichtswissenschaft war der Holocaust überhaupt ein Thema; tatsächlich wurden die Jahre 1933 bis 1945 sogar umgedeutet zu einer Zeit, in der die gesamte deutsche Bevölkerung Opfer einer Art düsteren Überfall geworden sei. Antisemitische Skandale führten dann in den späten 50er Jahren dazu, dass sich erstmals mit der Vergangenheit beschäftigt wurde. In den 60er Jahren folgten unter anderem die feste Einbindung der NS-Zeit in den schulischen Lehrplan, die Schaffung des Straftatbestands der „Volksverhetzung“ und außerdem die erste Einrichtung von institutionalisierten Gedenkorten. Der Eichmann-Prozess in Jerusalem 1961 und der Frankfurter Auschwitz-Prozess 1965 bewirkten, dass sich Historiker*innen vermehrt mit dem Holocaust befassten. Der gesellschaftliche Umgang mit dem Thema wurde außerdem von der „68er-Bewegung“ und der Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler 1969 angekurbelt, der erstmals von einem „befreiten“ statt einem „besiegten“ Deutschland sprach.[10]

Doch wie in Hamburg stellte auch auf bundesweiter Ebene erst die Ausstrahlung der Serie „Holocaust“ Ende der 70er Jahre einen wirklichen Wendepunkt im Gedenken an die Verfolgten des NS-Regimes dar. Von konservativer Seite aus war besonders nach der Regierungszeit Brandts immer wieder gefordert worden, endgültig mit der Geschichte abzuschließen, um Patriotismus zu fördern, da jedes Land ein positives Geschichtsbild brauche. In den 80er Jahren kam es vermehrt zu geschichtspolitischen Kontroversen zwischen eben jenen Konservativen und den ihnen gegenüberstehenden Linksliberalen, welche die Singularität des Holocausts und die resultierende Notwendigkeit der Beschäftigung mit diesem betonten; die bekannteste Auseinandersetzung dieser Art ist der sogenannte „Historikerstreit“ 1986-87.[11]

Spätestens zu Beginn der 90er Jahre wurden die KZ-Gedenkstätten dann aber von einer breiten Öffentlichkeit als institutionalisierte Orte des Gedenkens wahrgenommen. Diese neue Akzeptanz führte unter anderem dazu, dass sich erstmals wirklich mit Ausstellungformen, pädagogischen Konzepten und neuen thematischen Zugängen auseinandergesetzt wurde. Bis in die 80er Jahre hatte die Ausstellungskonzeption der KZ-Gedenkstätten fast ausschließlich auf Abschreckung abgezielt.[12]

Wenn sich auch seit den Zeiten einer gesamtgesellschaftlichen Schlussstrichmentalität vieles verändert hat und die Institutionen des Gedenkens mittlerweile fest in der politischen Kultur der Bundesrepublik verankert sind, gibt es doch noch immer Tendenzen und Fragestellungen, die zu beachten sind. 

Zum einen bleibt die Frage aktuell, wie überhaupt erinnert werden soll. Während Opferdenkmäler bis zum Ersten Weltkrieg stets sinnstiftend errichtet wurden, so änderte sich dies nach 1918; zunehmend entstanden auch Denkmäler, die eher nach einem Sinn fragten oder diesen einforderten. Nach der NS-Zeit und dem Holocaust wurde dann selbst diese Funktion von Opferdenkmälern obsolet; es verbreitete sich die Wahrnehmung, dass es keinen tieferen Sinn hinter diesen Verbrechen gegeben haben kann und die Frage nach einem solchen überflüssig wäre. Welche Formen und Funktionen die Erinnerung an die NS-Verbrechen einnehmen soll und kann, bleibt bis heute eine kontroverse Frage, die es immer wieder neu zu überdenken gilt.[13]

Für die Gedenkstättenarbeit ist außerdem die Frage zu klären, wie mit Erwartungshaltungen, sowohl vom Staat als auch von Besucher*innen und Mitarbeiter*innen, umgegangen werden kann. Zum einen versucht die Bildungsarbeit im besten Fall vielfältige Geschichtszugänge zu fördern, andererseits wird von ihr erwartet, gleichzeitig historisch zu bilden und demokratisch zu erziehen; die entstehende Ambivalenz bleibt ein gegenwärtig zur Diskussion ausstehendes Thema.[14]

Wenn auch immer wieder die Besorgnis geäußert wird, der Holocaust könne mit der Zeit (beschleunigt durch das Sterben der Zeitzeug*innen) in Vergessenheit geraten, so sehen doch viele Expert*innen eine andere Entwicklung als aktuell größere Gefährdung an; nämlich die Kategorie „Erfahrung“ als ansteigende Tendenz in der Erinnerungskultur.[15]Zusammenhängend mit der zunächst positiv erscheinenden zunehmenden Beliebtheit der KZ-Gedenkstätten geht es dabei um die touristische Nutzung eben dieser, wodurch es zu einer Umdeutung der Gedenkorte kommen kann und Erinnerung zur Erfahrung oder sogar zum Erlebnis wird.[16] Mit der festen Verankerung der Gedenkstätten in der Gesellschaft geht also nicht nur eine große Akzeptanz gegenüber diesen Orten, sondern auch die Nutzung dieser als touristische Attraktionen einher.[17]

Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme ist dabei ein gutes Beispiel dafür, dass bestimmte Erwartungshaltungen eine ergebnisoffene Auseinandersetzung mit den historischen Orten beeinträchtigen können. So finden sich in den Google-Rezensionen der Gedenkstätte vereinzelt Kommentare der Enttäuschung, wie beispielsweise: „Schrecklich, Öde. Langeweile angesagt. Nichts mehr wie es mal war. Null authentisch. Alles ist schön gemacht. Sinnlos.“[18] Diese Tendenz wurde auch im Zuge einer Studie festgestellt, die sich mit der Erwartungshaltung von Schüler*innen an den Gedenkstättenbesuch beschäftigt hat; viele Befragte gaben an, in Neuengamme sei „zu wenig Original“ um zu „erleben, wie es wirklich war“.[19]

Die touristische Nutzung der KZ-Gedenkstätten lässt sich außerdem mit einem weiteren Begriff verknüpfen, der für die Beschäftigung mit der deutschen Erinnerungskultur von zunehmender Bedeutung ist: „Dark Tourism“ oder noch spezifischer: „Holocaust Tourism“.[20] Bezeichnend wurde dieses Phänomen von dem Regisseur Sergei Loznitsa in seinem Dokumentarfilm „Austerlitz“ (2016) festgehalten, der unkommentiert Tourist*innen bei ihren Gedenkstättenbesuchen begleitet und dabei eindrücklich zeigt, wie Gedenkorte zu Attraktionen mit Gruselfaktor werden können. 

Es ist außerdem zu betonen, dass es trotz einer staatlichen Akzeptanz der Erinnerungskultur immer noch gewichtige Anteile der Bevölkerung gibt, die einer (weiteren) Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte negativ gegenüberstehen; so sagten schon 1999 in einer Umfrage 56 Prozent aller Befragten aus, sie würden einen Schlussstrich bevorzugen.[21]Und auch gegenwärtig ist zumindest die Wahrnehmung weit verbreitet, dass die NS-Vergangenheit abschließend aufgearbeitet und eine weitere Beschäftigung mit dieser folglich nicht mehr notwendig ist. Dazu trägt nicht zuletzt die mediale Darstellung von Geschichte bei, die Fakten und Tatsachen präsentiert, statt kritische Geschichtszugänge zu fördern.[22]

Abschließend ist noch auf die Tendenz hinzuweisen, dass sowohl die KZ-Gedenkstätten als auch die deutsche Erinnerungskultur im Allgemeinen in den letzten Jahren zunehmend wieder Anfeindungen aus dem politisch rechten Spektrum ausgesetzt sind. 2017 forderte Björn Höcke eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ und bezeichnete die Deutschen als „das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“[23] 2018 meinte Alexander Gauland „Hitler und die Nazis [seien] nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.“[24] 2019 besuchte der rechtsradikale (selbsternannte) „Volkslehrer“ Nikolai Nerling die KZ-Gedenkstätte Dachau, um dort „gegen den Schuldkult zu filmen“ und rief dazu auch über seinen YouTube-Kanal auf.[25]

Von der Schlussstrichmentalität, über den Holocaust-Tourismus, bis hin zum neuen Rechtsruck gibt es in der Beschäftigung mit der deutschen Erinnerungskultur also noch immer Tendenzen, mit denen sich fortlaufend auseinandergesetzt werden muss.


[1] Diese und weitere Statistiken zu (steigenden) Besucherzahlen der KZ-Gedenkstätten finden sich in: Das Gupta, Oliver / Sandkuhl, Irina: Politischer Rechtsruck beschäftigt Besucher von KZ-Gedenkstätten, in: Süddeutsche Zeitung, 27.01.2019. Online unter: http://bit.ly/Rechtsruck (Letzter Zugriff: 30.09.2019).

[2] Auf die ungleich ablaufende Entwicklung des Gedenkens an die Verfolgten des NS-Regimes in der SBZ und der DDR kann hier, dem begrenzten Umfang dieser Arbeit geschuldet, nicht eingegangen werden. Mehr dazu findet sich in: Wolfrum, Edgar: Die beiden Deutschland, in: Norbert Frei / Volkhard Knigge (Hg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord. München, 2002, S. 133-149, hier S. 141-147. 

[3] Garbe, Detlef: Ein schwieriges Erbe. Hamburg und das ehemalige Konzentrationslager Neuengamme, in: Peter Reichel (Hg.): Das Gedächtnis der Stadt. Hamburg im Umgang mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit (=Schriftenreihe der Hamburgischen Kulturstiftung, 6). Hamburg, 1997, S. 113-134, hier S. 113-115. Hier findet sich ein sehr komprimierter Kurzüberblick über die Geschichte des KZ Neuengamme.

[4] Ebd., S. 113.

[5] Eine detaillierte Abhandlung über die Einrichtung und den Betrieb der beiden Justizvollzuganstalten findet sich in: Klarmann, Johann: Die erneute Demütigung. Hamburgs Umgang mit dem ehemaligen Konzentrationslager Neuengamme 1945 bis 1985 (=Veröffentlichungen des Hamburger Arbeitskreises für Regionalgeschichte, 33). Hamburg, 2013, S. 71-90.

[6] Garbe: Erbe, S. 113.

[7] Klarmann: Demütigung, S. 229. Eine detaillierte Abhandlung über die Entwicklung der Gedenkstätte von der Errichtung der ersten Gedenksäule bis zur Eröffnung des Dokumentenhauses findet sich in: Ebd., S. 91-163.

[8] Ebd., S. 232-233. 

[9] Beispielsweise konnte sich auf den Geländen der meisten großen ehemaligen Konzentrationslager deutlich früher institutionalisiertes Gedenken etablieren.

[10] Wolfrum: Deutschland, S. 134-139.

[11] Ebd., S. 140.

[12] Knigge, Volkhard: Gedenkstätten und Museen, in: Norbert Frei / Volkhard Knigge (Hg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord. München, 2002, S. 378-389, hier S. 383-384.

[13] Koselleck, Reinhart: Formen und Traditionen des negativen Gedächtnisses, in: Norbert Frei / Volkhard Knigge (Hg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord. München 2002, S. 21-32, hier S. 31-32. 

[14] Wrochem, Oliver von: Historisch-politische Bildung in NS-Gedenkstätten. Überlegungen zu reflexivem Geschichtsbewusstsein und berufsgruppenorientierter Arbeit, in: Oliver von Wrochem (Hg.): Das KZ Neuengamme und seine Außenlager. Geschichte, Nachgeschichte, Erinnerung, Bildung (=Neuengammer Kolloquien, 1). Berlin, 2010, S. 285-299, hier S. S. 285-287. 

[15] Gmitrzuk, Justyna: Emotionen an Erinnerungsorten. Eine museumswissenschaftliche Perspektive, in: Museum des Warschauer Aufstands (Hg.): Erinnerungskultur des 20. Jahrhunderts. Analysen deutscher und polnischer Erinnerungsorte. Frankfurt am Main, 2011, S. 205-212, hier S. 208-209.

[16] Maier, Charles S.: Die „Aura“ Buchenwald, in: Norbert Frei / Volkhard Knigge (Hg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord. München, 2002, S. 327-341, hier S. 327-328.

[17] Knigge: Gedenkstätten, S. 387.

[18] Google-Rezensionen zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Online unter: http://bit.ly/Neuengamme (Letzter Zugriff: 30.09.2019).

[19] Solterbeck, Anja: Weil in Neuengamme „nichts mehr so ist, wie es war“. Die Erwartungen von jugendlichen Gedenkstättenbesuchern an ein „echtes KZ“, in: Oliver von Wrochem (Hg.): Das KZ Neuengamme und seine Außenlager. Geschichte, Nachgeschichte, Erinnerung, Bildung (=Neuengammer Kolloquien, 1). Berlin, 2010, S. 344-373, hier S. 354-356.

[20] Mehr zu dieser neuen Form des Tourismus findet sich in: Hartmann, Rudi: Zielorte des Holocaust-Tourismus im Wandel. Die KZ-Gedenkstätte in Dachau, die Gedenkstätte in Weimar-Buchenwald und das Anne-Frank-Haus in Amsterdam, in: Christoph Becker / Hans Hopfinger / Albrecht Steinecke (Hg.): Geographie der Freizeit und des Tourismus. Bilanz und Ausblick. München, 3. unv. Auflage 2007, S. 297-308.

[21] Augstein, Franziska: Deutschland, in: Norbert Frei / Volkhard Knigge (Hg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord. München, 2002, S. 221-232, hier S. 221-222.

[22] Messerschmidt, Astrid: Differenzbeziehungen. Ansätze für eine Erinnerungsarbeit vielfältiger Geschichtszugänge, in: Oliver von Wrochem (Hg.): Das KZ Neuengamme und seine Außenlager. Geschichte, Nachgeschichte, Erinnerung, Bildung (=Neuengammer Kolloquien, 1). Berlin, 2010, S. 315-328, hier S. 300-301.

[23] Pollmer, Cornelius / Schneider, Jens: Vielfache Kritik an Björn Höcke, in: Süddeutsche Zeitung, 18.01.2017. Online unter: http://bit.ly/BjoernHoecke (Letzter Zugriff: 30.09.2019).

[24] O.V.: Gauland: NS-Zeit nur ein „Vogelschiss in der Geschichte“, in: Süddeutsche Zeitung, 02.06.2018. Online unter: http://bit.ly/AlexanderGauland (Letzter Zugriff: 30.09.2019).

[25] Radlmaier, Thomas / Zeller, Helmut: KZ-Gedenkstätte erteilt rechtsradikalen Aktivisten Hausverbot, in: Süddeutsche Zeitung, 06.02.2019. Online unter: http://bit.ly/NikolaiNerling (Letzter Zugriff: 30.09.2019).

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„Fahrt über den Styx“

Hamburger Gedenken an die Luftangriffe von 1943

Marlene Draing

„Und der Wind weht vom Meer – 

und er weht über Freuden und Schmerzen, 

er riecht nach Tauen, Möwen und Teer – 

und er singt von Hamburgs unsterblichem Herzen!“[1]

Die Bombenangriffe in den Tagen vom 24. Juli bis zum 3. August 1943 sind eines der einschneidendsten Ereignisse der Hamburger Stadtgeschichte gewesen und es wird bis heute daran erinnert und gedacht. Mahnmale wie die „Fahrt über den Styx“ auf dem Ohlsdorfer Friedhof, die dem Gedenken an die damaligen Opfer dienen, sind ein großer Bestandteil dieser hamburgischen Erinnerungskultur.  Dieses Mahnmal stand seit seiner Errichtung 1952 immer wieder in der Kritik. Doch wie sieht diese Kritik aus? Inwiefern hat sich seit der Errichtung des Mahnmals dessen Narration gewandelt? Diesen Fragen nachzugehen bedeutet, sich mit dem hamburgischen Umgang mit den Folgen des Vernichtungskrieges auseinanderzusetzen, da die sich wandelnde Nutzung dieses Mahnmals beispielhaft für die deutsche Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg ist.[2]

Bei den Bombenangriffen, an die das Mahnmal erinnert, starben um die 34 000 Menschen. Diese Luftangriffe der Alliierten werden auch „Feuersturm“ oder „Operation Gomorrha“ genannt.[3] Der Streit darum, dass die Luftangriffe nicht das Ziel der Demoralisierung der Bevölkerung erreicht, sondern im Gegenteil die „Schicksalsgemeinschaft“ noch mehr zusammengeschweißt hätten, währt bis heute.[4]

Gestalt(ung) des Mahnmals

Das hier besprochene Mahnmal ist auf der Mitte einer Massengräberstätte errichtet worden. Nach dem „Feuersturm“ wurden die Toten in einem kreuzförmigen Massengrab anonym beerdigt, welches die Himmelsrichtungen Hamburgs darstellen soll.[5] Darauf platziert sind Eichenbohlen, die, dem Stadtplan entsprechend, auf dem Grab aufgestellt wurden und die Namen der betroffenen Stadtteile nennen.[6] Zu erwähnen ist hier, dass das „Bombenopferkreuz“[7] von Gefangenen des damaligen Konzentrationslagers Neuengamme ausgegraben werden musste, deren damit verbundenes Leid an diesem Gedenkort nicht sofort ersichtlich ist.[8]

Das Mahnmal selbst[9] wurde 1947 von Gerhard Marcks[10] entworfen und zeigt Charon, der die Toten über den Styx führt.[11] Marcks habe laut Gutschow absichtlich kein christliches Symbol gewählt, weil er in dem Tod durch den Massenvernichtungskrieg keine religiöse Erlösung gesehen habe.[12] Es wurde vom damaligen Senat Hamburgs in Auftrag gegeben, um den Eichenkranz, der 1944 von den NationalsozialistInnen aufgestellt wurde, zu ersetzen.[13] Schon die Planung des Mahnmals, welches die Stadt rund 400 000 DM kostete, stand von allen Seiten in der Kritik. Die konservativen Parteien Hamburgs betonten ganz pragmatisch, dass es des Geldes für die Errichtung an anderen Stellen nötiger bedürfte. Die KPD hingegen sah in dem Mahnmal die zu kritisierende Legitimierung der Wiederaufrüstung des Westens.[14]

Einweihung des Denkmals und das sich ändernde Gedenken

Das Gedenken der Opfer des „Feuersturms“ begann nicht erst mit der Einweihung des Mahnmals 1952. Noch während des Krieges versuchten die NationalsozialistInnen mit einer Kranzniederlegung am Massengrab die Toten für ein völkisches, gemeinschaftsstärkendes Gedenken an die „Gefallenen der Heimatfront“ zu instrumentalisieren.[15] Ebenfalls ab 1943 nutzten Angehörige der Toten die Grabanlage zum privaten Gedenken und Erinnern.[16]

Bei der Einweihung des Mahnmals am 16. August 1952, bei der der Senat unter dem Druck stand, die schon vorher erhobene Kritik an der Errichtung zu widerlegen[17], hielt neben anderen Max Brauer[18] eine Rede. Diese Rede soll hier kurz besondere Beachtung erhalten, da sie die Absicht der Auftraggeber des Mahnmals verdeutlicht.[19] Der Gedenkort solle die HamburgerInnen in ihrem Gedenken vereinen.[20] Auch wird in Brauers Rede die Funktion von Mahnmalen deutlich, durch die Erinnerung an Vergangenes die Zukunft zu sichern.[21] Brauer spricht sich auch dafür aus, dass die Toten nicht ohne Grund gestorben sein dürfen und darum als Mahnung dienen sollten.[22]  

In den 1950er Jahren wurde generell das Gedenken an die „Schicksalsgemeinschaft“, die sich angeblich nach den Bombardierungen gebildet habe, genutzt, um den Wirtschaftsaufschwung, der durch den Wiederaufbau deutlich wurde, zu erklären und zu fördern und diesen den HamburgerInnen, sowie dem Senat zuzusprechen.[23] Gutschow konstatiert, dass es in Hamburg kein regelmäßiges, ritualisiertes Gedenken an die Opfer der Bombennächte gegeben hat oder gibt. Vielmehr gedächten die Hinterbliebenen individuell – öffentlich fänden allein die Gedenkfeiern zu den Jubiläen alle zehn Jahre am Mahnmal statt.[24]

Gutschow sieht einen Wechsel in der Gedenkkultur an die Opfer des Bombenkrieges durch den Generationenwechsel in den 70er Jahren.[25] In den 1980ern dann wurde das Gedenken an die Bombennächte genutzt, um in Anbetracht des Kalten Krieges die Sinnlosigkeit des Wettrüstens und der Bombardierungen ganzer Städte allgemein hervorzuheben.[26]Nach der Wiedervereinigung fiel diese Absicht weg und in den 90ern wurde sich vermehrt darauf konzentriert, die Toten des Zweiten Weltkrieges als Mahnung gegen den wiederaufkeimenden Nationalismus zu nutzen.[27] Die Gedenkfeier am Mahnmal „Fahrt über den Styx“ am 50. Jahrestag war aber begleitet von Demonstrationen der Hamburger Linken, da diese einen Opferkult befürchteten, der die deutsche Kriegsschuld relativieren könnte.[28] In den 2000ern kam darauffolgend die Debatte auf, wie deutscher Opfer zu gedenken sei, ohne die Einordnung der „Operation Gomorrha“ in den Gesamtablauf des Krieges außerachtzulassen.[29] Thießen sieht in dieser Frage eine große Aktualität, denn seit dem 60. Jahrestag nutzen rechte Gruppierungen das Mahnmal, um dort in ideologisch verdrehter Weise zu gedenken.[30] Im Gegensatz dazu veranstalten verschiedene Vereine seit 2009 jährlich ein „Friedensfest“ am Mahnmal, um den rechtsgewandten Gruppen den Zugang zu versperren.[31]

Ganz aktuell ist die Nutzung des Ohlsdorfer Friedhofs durch sogenannte „Dark Tourists“.[32] Auf der Website http://www.dark-tourism.com wird der Friedhof als Ziel für den Dark Tourism empfohlen.[33] Dark Tourism kann in Kollision mit der Ehre der Toten treten[34] und somit verdeutlicht die Erhebung des Ohlsdorfer Friedhofes zu einem solchen Reiseziel, dass die damalige Tragödie in der Gesellschaft nicht mehr präsent genug ist, um zu verhindern, dass Mahnmale schrecklichster Ereignisse zum Zielort banaler Sensationsgier werden.[35]

Berechtigte Kritik am Mahnmal? 

Seit seiner Errichtung steht das Mahnmal also in der Kritik. Nicht nur die Wiederaufnahme der Tätigkeit der Denkmalerrichtung an sich wurde in den 1950er Jahren kritisch betrachtet, auch die Wahl des Motivs wird teils noch immer als fragwürdig erachtet.[36] Das Motiv des emotionslosen Charons, der die Toten in ihr Schicksal überführt, wirke zu emotionslos und zynisch.[37] Die Kritik, das Mahnmal stelle den Zweiten Weltkrieg als „schicksalhaft“ dar, sollte im Zusammenhang mit der Instrumentalisierung des Gedenkens in den 1950ern gesehen werden. Damals wurde, wie oben dargestellt, die „Schicksalsgemeinschaft“ beschworen um den Aufschwung voranzutreiben. Zwar ging es in den 50ern um die Beseitigung der Folgen des Krieges, doch eine Parallele zu der nationalsozialistischen Durchhaltepropaganda scheint offensichtlich. Die heute verstärkte Nutzung durch Rechtsgewandtere sollte zudem zum Nachdenken anregen. Es spricht zwar für Hamburgs Erinnerungskultur, dass gegensätzlich am Mahnmal „Friedensfeste“ organisiert werden, doch dies ist beim alltäglichen Besuch der Gedenkstätte nicht ersichtlich. Gerade durch die neuere Entwicklung des Dark Tourism, durch die vermehrt BesucherInnen an Orte vordringen, die dem reflektierten Gedenken gewidmet sind[38], scheint es essentiell durch Gegendenkmäler, Kunstaktionen und Erläuterungen die verschiedenen Deutungsansätze des Mahnmals und des Luftkrieges an sich zu visualisieren und mehr in den öffentlichen Raum zu integrieren als durch bloße Texttafeln am Rand des Gedenkortes, wie es momentan der Fall ist.

Der dargestellte, im Spiegel der jeweiligen Zeit, enorme Narrationswandel des Mahnmals „Fahrt über den Styx“ auf dem Ohlsdorfer Friedhof zeigt auf, dass auch die Kritik an Denkmälern mit der Zeit wandelbar ist. Während 1952 noch die Kosten für dessen Errichtung für Ärger sorgten, stößt heute die verschiedene historische Interpretation der Bombenangriffe und der „Opferrolle“ Deutschlands verschiedene Nutzweisen des Mahnmals an. Ob Charon seine „KundInnen“ gleichgültig, sprachlos[39], zynisch oder mitleidsvoll in den Tod überführt, kann der Interpretation der Betrachtenden überlassen werden, solange diese durch objektive Hilfestellungen überhaupt zum Interpretieren angehalten werden.


[1] Borchert, Wolfgang: Hamburg 1943, in: Hage, Volker (Hg.): Hamburg 1943. Literarische Zeugnisse zum Feuersturm, Frankfurt am Main 2003, S. 18.

[2] Vgl. Thießen, Malte: Sammelgrab für die Hamburger Bombenopfer, in: Matthaei, Hans (Hg.): DenkMal Ohlsdorfer Friedhof. 33 Stätten der Erinnerung und Mahnung, Hamburg 2018, S. 58-64, S. 58.

[3] Ebd., S. 58. Für mehr Informationen zur „Operation Gomorrha“ siehe Middlebrook, Martin: Firestorm Hamburg. The Facts surrounding the Destruction of German City 1943, 2. Aufl., Barnsley 2012.

[4] Thießen, Malte: „Erinnerung ist wichtig, aber lernen ist wichtiger.“ Hamburgs Gedenken an den „Feuersturm“ 1943 bis 2008, in: Zeitschrift des Verlags für Hamburgische Geschichte 94 (2008), S. 153-180, S. 153.

[5] Gutschow, Niels: Stadtzerstörung und Gedenken. Hamburg – Dresden – Berlin – New York, in: Assmann, Jan; Maciejewski, Franz; Michaels, Axel: Der Abschied von den Toten. Trauerrituale im Kulturvergleich, Göttingen 2005, S. 267-293, S. 271.

[6] Ebd.

[7] Vgl. Ebd.

[8] Garbe, Detlef; Klingel, Kerstin: Gedenkstätten in Hamburg. Ein Wegweiser zu Stätten der Erinnerung an die Jahre 1933 bis 1945, Hamburg 2008, S. 53.

[9] An dieser Stelle sei auf den theoretischen Unterschied der Begriffe „Mahnmal“ und „Gedenkort“ hingewiesen. Hier wird nur das Mahnmal von Marcks behandelt. Es darf aber nicht außerachtgelassen werden, dass dieses nur im Zusammenspiel mit dem gesamten Gedenkort auf BesucherInnen wirkt. Für diese begriffliche Trennung siehe Menkovic, Biljana: Politische Gedenkkultur. Denkmäler – Die Visualisierung politischer Macht im öffentlichen Raum, hrsg. v. Pelinka, Anton; Reinalter, Helmut (= Vergleichende Gesellschaftsgeschichte und politische Ideengeschichte der Neuzeit, Bd. 12), Wien 1998, S. 11.

[10] Für eine kurze Übersicht über Marcks Biografie siehe Droste, Magdalena: Historisch oder Jetzig? Alternative der Bauhauslehrer nach 1933, in: Blümm, Anke, u.a. (Hg.): Wege aus dem Bauhaus. Gerhard Marcks und sein Freundeskreis, Weimar 2017, S. 228f.

[11] Genauer kann hier aus Platzgründen nicht auf die Konstruktion des Mahnmals eingegangen werden. 

[12] Gutschow: Stadtzerstörung, S. 271.

[13] Thießen: Erinnerung, S. 163.

[14] Ebd., S. 164.

[15] Gutschow: Stadtzerstörung, S. 271.

[16] Thießen: Erinnerung, S. 160.

[17] Thießen: Erinnerung, S. 164f.

[18] Für Näheres zu Brauer siehe Schildt, Axel: Max Brauer (= Hamburger Köpfe), Hamburg 2002.

[19] Allgemein kann die gezielte Erinnerung an ein historisches Ereignis auch als geschichtspolitische Handlung angesehen werden, mit der die AuftraggeberInnen ein bestimmtes Ziel verfolgen, vgl. Thießen: Erinnerung, S. 155.

[20] Vgl. Pressestelle des Hamburger Rathauses:  Weihe des Mahnmals für die Hamburger Bombenopfer. Ansprache von Bürgermeister Max Brauer zur Einweihung der Gedächtnisstätte für die Hamburger Bombenopfer auf dem Ohlsdorfer Friedhof am 16. August 1952, Hamburg 1952, S. 1.

[21] Vgl. Ebd., S. 2. „Sie [die Toten] richten die gleiche Frage aber auch an uns und mahnen uns, daß wir die künftigen Entscheidungen über Leben und Tod […] selber auf uns nehmen. […] Und so richtet dieses Massengrab die Mahnung an uns: Erkennt die Gefahr!“

[22] Vgl. Ebd., S. 3. Menkovic spricht von einem „Ewigkeitsversprechen“, das Denkmäler schaffen, vgl. Menkovic: Gedenkkultur, S. 4. Koselleck sieht in der politisch motivierten Mahnung an Kriegsopfer die Erfüllung des Bedürfnisses an einen sinnvollen Tod und so die Ersetzung der christlichen Verheißung auf Erlösung, vgl. Koselleck, Reinhart: Einleitung, in: Jeismann, Michael; Koselleck, Reinhart (Hg.): Der politische Totenkult. Kriegerdenkmäler in der Moderne, München 1994 (=Bild und Text), S. 9-20, S. 14.

[23] Ebd., S. 169.

[24] Gutschow: Stadtzerstörung, S. 272.

[25] Ebd., S. 269-270. Weiterführend könnte hier das Thema der „Emotionslosigkeit“ der Kriegsgeneration von Interesse sein, vgl. Ebd. S. 269-274.

[26] Diesen Wandel setzt Thießen mit dem Generationenwechsel gleich, der in den 80ern den Bombenkrieg vom kommunikativen ins kulturelle Gedächtnis geschoben habe, vgl. Thießen, Malte: Mythos und städtisches Selbstbild. Gedenken an Bombenkrieg und Kriegsende in Hamburg nach 1945, in: Hein-Kircher, Heidi; Hahn, Hans Henning (Hg.): Politische Mythen im 19. Und 20. Jahrhundert in Mittel- und Osteuropa (= Tagungen zur Ostmitteleuropa-Forschung, Bd. 24), Marburg 2006, S. 107-122, S. 119.

[27] Vgl. Thießen: Erinnerung, S. 171-175.

[28] Ebd., S. 175.

[29] Ebd., S. 175f.

[30] Ebd., S. 177f.

[31] Thießen: Sammelgrab, S. 63.

[32] Für einen groben Überblick über das Thema des Dark Tourism siehe Sharpley, Richard: Shedding Light on Dark Tourism. An Introduction, in: Sharpley, Richard; Stone, Philip: The Darker Side of Travel. The Theory and Practise of Dark Tourism, Bristol 2009, S. 3-23. Das Standartwerk zu diesem Thema: Foley, Malcolm; Lennon, John: Dark Tourism. The Attraction of Death and Desaster, 4. Aufl., London 2006.

[33] Vgl. http://www.dark-tourism.com/index.php/germany/15-countries/individual-chapters/204-ohlsdorf-cemetery-hamburg (eigesehen am 29.06.2019).

[34] Sharpley: Light, S. 8.

[35] Hier wird Menkovics These bestätigt, dass Denkmäler mehr über den Zeitpunkt ihrer Errichtung/des Umgangs mit dem Gedenken aussagen, als über die Zeit an die sie erinnern, Menkovic: Gedenkkultur, S. 3.

[36] Gutschow: Stadtzerstörung, S. 271f.

[37] Vgl. Ebd., S. 272.

[38] Vgl. Menkovic: Gedenkkultur, S. 12.

[39] Laut Koselleck stellen Mahnmäler seit 1945 vor allem die Sprachlosigkeit im Angesicht der technisierten Massenvernichtung dar, vgl. Koselleck: Einleitung, S. 20.

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Das Denkmal der Helden des Ghettos

Zwischen Nachkriegszeit, Kniefall und „neuen Helden“

Raja Nicolaisen

Am 19. April 2018 wurde in Warschau dem 75. Jahrestag des Beginns des Aufstands im Warschauer Ghetto im Rahmen verschiedenster Veranstaltungen gedacht, unter anderem vor dem Denkmal der Helden des Ghettos, welches sich auf dem Gebiet des ehemaligen Ghettos in Warschau befindet.[i] Diese Gedenkfeierlichkeiten erhielten große mediale Aufmerksamkeit.[ii] Als eines der bekanntesten Symbole für den jüdischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus während des Zweiten Weltkrieges kommt dem Warschauer Ghetto-Aufstand noch immer großes Interesse zu. Das Denkmal und das Gedenken an dieses Ereignis sind dabei keineswegs nur Themen der Vergangenheit. Gedenktage und Denkmäler bilden Teile des „kulturellen Gedächtnisses“, dem 

„jeder Gesellschaft und jeder Epoche eigentümliche Bestand an Wiedergebrauchs-Texten, -Bildern und -Riten […] in deren ‚Pflege‘ sie ihr Selbstbild stabilisiert und vermittelt, ein kollektiv geteiltes Wissen vorzugsweise (aber nicht ausschließlich) über die Vergangenheit, auf das eine Gruppe ihr Bewusstsein von Einheit und Eigenart stützt.“[iii]

Doch welche Aspekte machen das kulturelle Gedächtnis Polens bezüglich dieser historischen Ereignisse aus, wenn mediale Berichterstattungen zeitgleich von Debatten um das umstrittenen „Holocaust-Gesetz“ und sogar der Frage, ob das Judentum zu Polen gehöre, überschattet werden?[iv] Es stellt sich die Frage, inwiefern eine Analogie zwischen dem Umgang mit dem Denkmal der Helden des Ghettos und der Bedeutung der spezifischen Geschichte polnischer Juden* während des Holocausts im polnischen kulturellen Gedächtnis besteht.

Zur Beantwortung dieser Frage soll im Folgenden die Geschichte des Denkmals und des Umgangs mit dem Denkmal, sowie die Bedeutung der jüdischen Geschichte des Holocausts im kulturellen Gedächtnis Polens von der Nachkriegszeit, über die Geschichtspolitik in der Volksrepublik Polen und den Kniefall Willy Brandts, bis zur politischen Wende und den Regierungsjahren der PiS-Partei dargestellt werden. Mögliche Zusammenhänge sollen aufgezeigt und die Ergebnisse abschließend zusammengefasst werden.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Entstehung des realsozialistischen Staates der Volksrepublik Polen wurde 1946 ein erstes Denkmal zur Erinnerung an das Warschauer Ghetto errichtet. Eine runde Steinplatte mit einer Widmung für polnische Juden*, entworfen von dem polnischen Architekten Leon Marek Suzin, wurde auf dem ehemaligen Gebiet des Ghettos in den Boden eingelassen.[v]

Zwei Jahre später wurde 1948 ein zweites Denkmal, eine steinerne Stele mit eingelassener Bronzeskulptur und Flachrelief des Zugs der Holocaust-Opfer, errichtet. Das Denkmal wurde von dem jüdischen Bildhauer Nathan Rapaport mit Hilfe von Leon Marek Suzin entworfen.[vi]

In der unmittelbaren Nachkriegszeit war das Interesse für das Leiden der Juden* im Polen des Zweiten Weltkrieges eher gering.[vii] Dennoch bildeten sich in dieser Zeit auch erste jüdische Organisationen von ehemaligen Verfolgten, die die eigenen Interessen, wie beispielsweise an einem Denkmal für die Helden des Ghettos, vertraten.[viii] Die kommunistische Regierung, die zu dieser Zeit noch auf die Stabilisierung der eigenen Macht im Land konzentriert war, gewährte diesen jüdischen Organisationen aus eher taktischen Gründen hohe Autonomie und unterstützte unter anderem die Errichtung eines Denkmals. Bei der polnischen Bevölkerung rief dies allerdings negative Reaktionen hervor, da ein Denkmal für den für viele Polen* bedeutenderen Warschauer Aufstand nicht zu verwirklichen war.[ix] Mit der Stabilisierung der kommunistischen Herrschaft Ende der 1940er Jahre veränderte sich auch die Politik gegenüber den Juden* in Polen; Jüdische Parteien wurden ab 1948 verboten und die jüdische Autonomie schwand.[x] Vor allem mit Beginn der 1950er Jahre veränderte sich auch die Geschichtspolitik der kommunistischen Machthaber. Es wurde verstärkt versucht, Kontrolle über verschiedenste gesellschaftliche Bereiche zu erlangen und im Zuge dessen kam es zu einem direkten Eingriff der Machthaber in die Gedenkkultur des Zweiten Weltkrieges.[xi] Selektiv wurde in der stalinistischen Ära der Fokus auf „Helden“ und „Märtyrer“ gelegt, wobei nationale Deutungsmuster weitestgehend noch keine Rolle spielten.[xii]

Erst nach der Entstalinisierung deuteten schließlich nationalistische Akteure in der kommunistischen Partei das Narrativ des Krieges national-polnisch um. Der Fokus wurde nun auf das „Heldentum“ und „Martyrium“ der „polnischen Staatsbürger*innen“ gelegt.[xiii] Im Mittelpunkt des Gedenkens stand zunehmend das „polnische Volk“, während das Leiden anderer Nationen oder Bevölkerungsgruppen beispielsweise der Juden* bewusst ausgeblendet wurde. Vor diesem Hintergrund wurde auch die Erinnerung an den jüdischen Widerstand im kulturellen Gedächtnis zurückgedrängt und der Warschauer Aufstand als „polnischer“ Aufstand wurde integraler und dominanter Teil des kulturellen Gedächtnisses.[xiv]Eine Auseinandersetzung mit dem Denkmal der Helden des Ghettos war in diesem Kontext öffentlich kaum möglich. Zunehmender Antisemitismus gipfelnd in der „antizionistischen“ Kampagne im Jahr 1968 trug weiterhin zu der Verdrängung der Juden* und ihrer Geschichte an den Rand des kulturellen Gedächtnisses bei.[xv] In den 1970er Jahren wurde die Polonisierung der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg sowohl von der kommunistischen Regierung, als auch von der erstarkenden politischen Opposition weiter forciert.[xvi]

Innerhalb dieser Kontinuität ist auch der Umgang in Polen mit dem Kniefall von Willy Brandt zu bewerten. Der damalige Bundeskanzler reiste im Dezember 1970 in die polnische Hauptstadt zur Unterzeichnung der Warschauer Verträge. Bei der zuvor angesetzten Kranzniederlegung am Denkmal der Helden des Ghettos kniete Brandt überraschend vor dem Denkmal nieder. Die Bilder gingen damals um die Welt.[xvii] In Polen allerdings fand der Kniefall in den Medien nur wenig Beachtung; Fotografien vom Kniefall wurden sogar am unteren Rand geschnitten, so dass die kniende Haltung des damaligen Bundeskanzlers nicht zu erkennen war.[xviii] Ebenso wie das Denkmal und das spezifische Leiden der Juden* kaum eine Rolle im kulturellen Gedächtnis spielten, so wurde auch der in anderen Ländern so breit rezipierten Geste des Kniefalls Willy Brandts von der realsozialistischen Regierung öffentlich kaum Aufmerksamkeit geschenkt.[xix]Gleichzeitig waren einige Polen* der Ansicht, dass Brandt vor dem falschen Denkmal niedergekniet war. Der national-polnische Warschauer Aufstand im Jahr 1944 war im kulturellen Gedächtnis von größerer Bedeutung und so wurde der Kniefall nicht als Geste der Versöhnung gegenüber der polnischen Nation, sondern als Geste mit jüdischer Dimension wahrgenommen, was verschiedenste Reaktionen von Irritation bis Ablehnung auslöste.[xx]

Im Jahr 1989 kam es schließlich zur politischen Wende: Aus der Volksrepublik Polen ging die Dritte Polnische Republik hervor.[xxi] Infolgedessen unterlagen verschiedenste gesellschaftliche Bereiche, darunter auch die Erinnerungskultur, einer Demokratisierung. Die Beschäftigung mit den Schattenseiten der polnischen Vergangenheit, die Idee eines „kritischen Patriotismus“ und vor allem die Ausweitung des Diskurses auf die Geschichte und das Leid anderer Gruppen, vor allem der Juden*, nahmen zu und erweiterten den Diskurs innerhalb der Geschichtskultur und das kulturelle Gedächtnis um neue Aspekte.[xxii] Kritische Ansätze und Erkenntnisse der polnischen Mittäterschaft an der Ermordung von Juden* während des Zweiten Weltkrieges (z.B. die Jedwabne-Debatte) erschütterten das polnische Selbstverständnis als reine „Opfernation“.[xxiii] In dieser Phase der Erweiterung des Diskurses gewann auch das Denkmal der Helden des Ghettos erneut an Bedeutung im öffentlichen Raum. Man begann den Jahrestag des Ghetto-Aufstands mit Feierlichkeiten in Anwesenheit der Regierung, Vertretern jüdischer Organisationen und israelischer Diplomaten zu begehen, wobei auch das Denkmal der Helden des Ghettos als zentraler Ort der Erinnerung zunehmend Aufmerksamkeit erhielt.[xxiv]

Zeitgleich und wohl kausal bedingt erstarkte ein nationalkonservativer Diskurs, forciert vor allem durch Vertreter nationaler und fundamentalistischer Lager innerhalb der polnisch-katholischen Kirche, die die kritische Darstellung der polnischen Geschichte als Gefahr für Nationalstolz und Patriotismus ablehnten.[xxv] Auch politische Parteien nutzten diesen erinnerungspolitischen Konflikt im Wahlkampf, so auch die nationalkonservative, christdemokratische und (rechts-)populistische Partei Prawo i Sprawiedliwość (PiS).[xxvi]

Nach dem Wahlsieg der Partei im Jahr 2005 propagierte diese einen unkritischen Patriotismus und griff im Sinne einer „neuen Geschichtspolitik“ auch auf alte Muster der Ausblendung schwieriger Aspekte der Nationalgeschichte zurück.[xxvii] Diese verkürzte Auseinandersetzung mit der polnischen Geschichte beschränkte zwangsläufig auch die Auseinandersetzung mit polnischen Pogromen gegen Juden* und bedeutete damit ein Ausblenden eines Teils der polnisch-jüdischen Geschichte.

Mit dem Regierungswechsel 2007 kam die Politik der PiS-Partei zu einem vorläufigen Stopp. Die Regierung der Platforma Obywatelska (PO) wirkte weitaus weniger auf die Geschichtskultur ein.[xxviii] In dieser Zeit entstand auch das Museum der Geschichte der polnischen Juden, das zwischen 2007 und 2013 gebaut wurde und sich direkt neben dem Denkmal der Helden des Ghettos befindet. Das Denkmal wurde so kontextualisiert, erhielt neue Aufmerksamkeit und fand erneut Einzug in das kulturelle Gedächtnis.

Nach der Wiederwahl der PiS-Partei im Jahr 2015 wurde die Politik der Regierungsjahre zwischen 2005 und 2007 wiederaufgenommen. Mit dem Erlass des sogenannten „Holocaust-Gesetzes“ im Jahr 2018, welches Behauptungen der Mitverantwortung von Polen* an den nationalsozialistischen Verbrechen unter Haftstrafe stellt[xxix], bildete sich eine Kontinuität der unkritischen Geschichtskultur heraus, die beispielsweise von dem Historiker Martin Schulze Wessel wie folgt beurteilt wird: 

„Die kritische Reflexion der eigenen Nationalgeschichte gerät in den Schatten einer neuen Geschichtsmythologie. […] Das Verlangen nach der internationalen Anerkennung des Heldentums und der Opfer Polens im Zweiten Weltkrieg verbindet sich mit einem Selbstbild von der historischen Reinheit der Nation.“[xxx]

In dieser Kontinuität des Geschichtsrevisionismus in Verbindung mit dem „Holocaust-Gesetz“, den sich häufenden antisemitischen Übergriffen in Polen und dem diesbezüglichen Schweigen der Regierungspartei ist auch die jüngste Geschichte des Umgangs mit dem Denkmal der Helden des Ghettos einzuordnen.[xxxi] Zwar wird den Jahrestagen des Ghetto-Aufstands am Denkmal gedacht, doch lässt sich in den letzten vier Jahren ein zunehmender Kampf um die Erinnerung erkennen. Schon 2013 forderten katholische Initiatoren auf dem ehemaligen Ghetto-Gebiet ein weiteres Denkmal für polnische „Judenretter“, also für „neue Helden“ zu errichten. Im Jahr 2015 wurde die Initiative weiter vorangetrieben. Im Jahr 2018 stimmte das Parlament dann zumindest einem Gesetz zu, das einen offiziellen Gedenktag für die polnischen „Judenretter“ vorsah.[xxxii] Die Erinnerungskultur rund um das Denkmal der Helden des Ghettosscheint noch immer keinen festen Platz im kulturellen Gedächtnis Polens zu haben.

Letztlich lässt sich an dem Umgang mit dem Denkmal der Helden des Ghettos eine Kontinuität der Ausblendung und Marginalisierung jüdischen Leidens zugunsten polnisch-nationaler Narrative erkennen. Sowohl die Geschichtspolitik der kommunistischen Regierung,   als auch die Regierung der PiS-Partei, die nationalkonservative Narrative stärkt, eine kritische Auseinandersetzung mit der polnischen Geschichte ablehnt und somit Räume für antisemitische und polonisierte Geschichtsbilder öffnet, drängten und drängen die Leidensgeschichte der Juden* an den Rand des kulturellen Gedächtnisses.Die Erinnerungskultur um die Ereignisse und das Denkmal bildete sich in den Zwischenräumen aus. In der unmittelbaren Nachkriegszeit, der Zeit der Demokratisierung nach der Entstehung der Dritten Polnischen Republik und der Regierungszeit der Platforma Obywatelska (PO) lockerte sich der Regierungszugriff auf die Geschichtskultur. So öffnete sich der Diskurs um die Geschichte Polens und ermöglichte auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der polnischen Juden* und die Weiterentwicklung einer Erinnerungskultur rund um das Denkmal der Helden des Ghettos. Doch in den letzten Jahren der PiS-Regierung erstarken zunehmend nationalkonservative Narrative und antisemitische Diskurse. Ein erneuter Wandel im kulturellen Gedächtnis Polens deutet sich an, in dem die Rolle der Juden* und des Denkmals der Helden des Ghettos unsicher zu sein scheint. Diesen Tendenzen muss, um die Bedeutung des Denkmals und der Geschichte, die das Denkmal erzählt, im kulturellen Gedächtnis zu bewahren, entgegengewirkt werden.


[i] Vgl. Flückiger, Paul: 75 Jahre Warschauer Ghetto-Aufstand. Heldenmut gegen die Übermacht, in: Der Tagesspiegel (19.04.18), online unter: https://m.tagesspiegel.de/politik/75-jahre-warschauer-ghetto-aufstand-heldenmut-gegen-die-uebermacht/21194454.html?fbclid=IwAR0d9bKICZFaI7Kd5RdxGVFAh_U8kuO9QoytuHZI7A3ylmxilkEY6N5c-vk, letzter Zugriff: 24.07.19, 13:01 Uhr; Vgl. o.V.: Polen erinnert an Aufstand im Warschauer Ghetto vor 75 Jahren, in: Aargauer Zeitung (19.04.18), online unter: https://www.aargauerzeitung.ch/leben/forschung-technik/polen-erinnert-an-aufstand-im-warschauer-ghetto-vor-75-jahren-132456613, letzter Zugriff: 24.07.19, 13:05 Uhr.

[ii] Siehe: o.V.: Gedenkfeiern zu 75 Jahre Aufstand im Warschauer Ghetto, in: Frankfurter Allgemeine (19.04.18), online unter: https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/warschauer-ghetto-gedenkfeiern-zu-75-jahre-aufstand-in-polen-15550130.html?fbclid=IwAR2zK4lPgkWFNAFQDUPwgYhptHvBDCpof6I4KkxZMLSR2WY5uYruVWtdoGc, letzter Zugriff: 24.07.19, 13:54 Uhr; Siehe: Liebermann, Doris: Vor 75 Jahren: Aufstand im Warschauer Ghetto. Sterben mit der Waffe in der Hand, in: Deutschlandfunk (24.07.19), online unter: https://www.deutschlandfunk.de/vor-75-jahren-aufstand-im-warschauer-ghetto-sterben-mit-der.871.de.html?dram:article_id=415903, letzter Zugriff: 24.07. 2019, 13:57 Uhr; Siehe: Herzing, Johanna: Aufstand im Warschauer Ghetto. Symbol des jüdischen Widerstands, in: Deutschlandfunk(16.04.18), online unter: https://www.deutschlandfunk.de/aufstand-im-warschauer-ghetto-symbol-des-juedischen.724.de.html?dram:article_id=415723, letzter Zugriff: 24.07.19, 13:59 Uhr; Siehe: Fuhrer, Armin: 75. Jahrestag des Aufstands. SS-Übermacht war erdrückend: Der Widerstand der Juden im Warschauer Ghetto, in: Fokus Online (19.04.18), online unter: https://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/nationalsozialismus/warschauer-ghetto-ss-uebermacht-war-erdrueckend-der-mutige-widerstand-der-juden_id_8778360.html, letzter Zugriff: 24.07.19, 14:02 Uhr; Siehe: o.V.: 75. rocznica powstania w getcie warszawskim. „Śniła nam się broń“, in: Polsat News (19.04.18), online unter: https://www.polsatnews.pl/wiadomosc/2018-04-19/75-rocznica-powstania-w-getcie-warszawskim-snila-nam-sie-bron/, letzter Zugriff: 24.07.19, 14:07 Uhr; Siehe: Krökel, Ulrich: Warschauer Ghetto-Aufstand. Gehört das Judentum zu Polen?, in: Frankfurter Rundschau (19.04.18), online unter: https://www.fr.de/kultur/gehoert-judentum-polen-10982562.html?fbclid=IwAR0SQnozN-r8bEFml40Jrsl1crjb73SxrHmhEshdT3MQrz9T1rKwuk4Ms_w, letzter Zugriff: 24.07.19, 14:10 Uhr.

[iii] Assmann, Jan: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Assmann, Jan / Hölscher, Tonio: Kultur und Gedächtnis, Frankfurt a.M. 1988, S. 9-19, S. 15.

[iv]Vgl. o.V.: Polen erinnert an Aufstand im Warschauer Ghetto vor 75 Jahren, in: Aargauer Zeitung (19.04.18), online unter: https://www.aargauerzeitung.ch/leben/forschung-technik/polen-erinnert-an-aufstand-im-warschauer-ghetto-vor-75-jahren-132456613, letzter Zugriff: 24.07.19, 13:05 Uhr; Vgl. Krökel, Ulrich: Warschauer Ghetto-Aufstand. Gehört das Judentum zu Polen?, in: Frankfurter Rundschau(19.04.18), online unter: https://www.fr.de/kultur/gehoert-judentum-polen-10982562.html?fbclid=IwAR0SQnozN-r8bEFml40Jrsl1crjb73SxrHmhEshdT3MQrz9T1rKwuk4Ms_w, letzter Zugriff: 24.07.19, 14:10 Uhr.

[v]Vgl. Bloom, Aurica: Wenn Worte nicht ausreichen. Willy Brandts Kniefall am Denkmal für die Helden des Warschauer Ghettos, in: Form, Wolfgang / von Lingen, Kerstin / Ruchniewicz, Krzysztof (Hg.): Narrative im Dialog. Deutsch-polnische Erinnerungsdiskurse, Dresden 2013, S. 107-126, S. 109.

[vi]Vgl. ebd., S. 109.

[vii]Vgl. Peters, Florian: Revolution der Erinnerung. Der Zweite Weltkrieg in der Geschichtskultur des spätsozialistischen Polen [Kommunismus und Gesellschaft. Reihe des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam 2], Berlin 2016, S. 339.

[viii]Vgl. Ruchniewicz, Krzysztof: Der sogenannte Polenfeldzug 1939 und der Zweite Weltkrieg in der deutschen und polnischen Erinnerungskultur,  in: Form, Wolfgang / von Lingen, Kerstin / Ruchniewicz, Krzysztof (Hg.): Narrative im Dialog. Deutsch-polnische Erinnerungsdiskurse, Dresden 2013, S. 29-52, S. 36.

[ix]Vgl. Peters: Revolution, S. 342-343.

[x]Vgl. ebd., S. 343-344.

[xi]Vgl. Ruchniewicz: Polenfeldzug, S. 37.

[xii]Vgl. Peters: Revolution, S. 345-347.

[xiii]Vgl. ebd., S. 347.

[xiv]Vgl. ebd., S. 349.

[xv]Vgl. ebd., S. 344.

[xvi]Vgl. Dmitrów, Edmund: Polen, in: Knigge, Volkhard 7 Frei, Norbert (Hg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord [Bundeszentrale für politische Bildung. Schriftenreihe 489], Bonn 2005, S. 196-204, S. 202; Vgl. Ruchniewicz: Polenfeldzug, S. 41.

[xvii]Vgl. Bloom: Worte, S. 107-108.

[xviii]Vgl. ebd., S. 110-111.

[xix]Vgl. ebd., S. 115.

[xx]Vgl. ebd., S. 114.

[xxi]Vgl. Ruchniewicz, Krzysztof: Der Zickzackkurs der polnischen ‚Geschichtspolitik‘ nach 1989, in: Neue Polnische Literatur 53 (2008), S. 205-223, S. 209.

[xxii]Vgl. Ruchniewicz: Polenfeldzug, S. 42; Vgl. Ruchniewicz: Zickzackkurs, S. 209-216; Vgl. von Lingen, Kerstin / Form, Wolfgang: Dialogisches Erinnern, in: Form, Wolfgang / von Lingen, Kerstin / Ruchniewicz, Krzysztof (Hg.): Narrative im Dialog. Deutsch-polnische Erinnerungsdiskurse, Dresden 2013, S. 13-28, S. 26.

[xxiii]Vgl. Zägel, Jörg: Vergangenheitsdiskurse in der Ostseeregion. Band 2. Die Sicht auf Krieg, Diktatur, Völkermord und  Vertreibung in Russland, Polen und den baltischen Staaten [Kieler Schriften zur Friedenswissenschaft 15], Berlin 2007, S. 124-125.

[xxiv]Vgl. Ruchniewicz, Krzysztof: „Noch ist Polen nicht verloren“: Das historische Denken der Polen [Mittel- und Osteuropastudien 7], Berlin 2007, S. 64.

[xxv]Vgl. Ruchniewicz: Polenfeldzug, S. 43.

[xxvi]Vgl. Ruchniewicz: Zickzackkurs, S. 217.

[xxvii]Vgl. Ruchniewicz: Zickzackkurs, S. 217-218.

[xxviii]Vgl. Ruchniewicz: Zickzackkurs, S. 220.

[xxix]Vgl. o.V.: Polen erinnert an Aufstand im Warschauer Ghetto vor 75 Jahren, in: Aargauer Zeitung (19.04.18), online unter: https://www.aargauerzeitung.ch/leben/forschung-technik/polen-erinnert-an-aufstand-im-warschauer-ghetto-vor-75-jahren-132456613, letzter Zugriff: 24.07.19, 13:05 Uhr.

[xxx]Schulze Wessel, Martin: Auf nationalpatriotischem Kurs, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (04.04.18), online unter: http://www.genios.de/presse-archiv/artikel/FAZ/20180404/auf-nationalpatriotischem-kurs/FD1201804045386258.html, letzter Zugriff: 28.07.19, 13:34 Uhr.

[xxxi]Vgl. Fritz, Philipp: Warum Polens Regierung zum Antisemitismus schweigt, in: Welt (27.06.19), online unter: https://www.welt.de/politik/ausland/article195077365/Regierungspartei-PiS-Warum-Polens-Regierung-zum-Antisemitismus-schweigt.html, letzter Zugriff: 28.07.19, 13:46 Uhr.

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Streitpunkt „Stolpersteine“

Der schwierige Umgang mit dem Holocaust-Gedenken

Tina Iwen

Wie kann es gelingen, den Post-Holocaust-Generationen das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte ins Bewusstsein zu rufen und sie damit gegen Menschenfeindlichkeit und Nationalismus zu immunisieren? Ist das Bemühen darum überhaupt erfolgversprechend? Mit Blick auf die Kontroverse um angemessene Erinnerungsformen an den Holocaust widmet sich die folgende Analyse der Frage, inwiefern die ab den 1990er Jahren vom Künstler Gunter Demnig europaweit installierten Stolpersteine als Denkmäler diesen Zweck erfüllen können oder nicht.[1]

Bestandsaufnahme: Die Gefahr des Vergessens nimmt zu

Möglicherweise können die vor Wohnhäusern in Gehwege eingelassenen Messingtafeln, welche als Stolpersteine bezeichnet werden, dazu beitragen, die Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes lebendig zu halten und der gesellschaftlichen Tendenz zum Vergessen entgegenzuwirken. Die gegenwärtige durch Studien belegte Entwicklung zum öffentlichen Desinteresse am Schicksal der verfolgten Juden im Nationalsozialismus zeige laut Daniel Gerson schließlich sehr deutlich, dass die Auseinandersetzung mit den schlimmen Folgen von Antisemitismus, Nationalismus und Demokratiefeindlichkeit niemals als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt werden könne, zumal Antisemitismus bis heute stark tabuisiert sei und die meisten europäischen Staaten über „ausgeprägte antisemitische Traditionen verfügen“.[2]Außerdem hänge die Bereitschaft zum Erinnern und Gedenken stark von dem Verhältnis des Einzelnen zur eigenen Geschichte, zur Geschichte der eigenen Gesellschaft und dem „Grad der Identifizierung mit Volk, Staat und Nation“ ab, so Salomon Korn.[3] Aus psychologischer Sicht fällt es offenkundig leichter, sich gedanklich von den Verbrechen der Deutschen im NS-Regime loszusagen und jegliche Konfrontation mit der negativen Vergangenheit abzulehnen, obwohl diese bewusst oder unbewusst für die eigene Identität doch prägend ist. Unter den Nachgeborenen herrscht offenkundig eine gewisse Abwehrhaltung und Sprachlosigkeit, welche Gerson auf den emotional und erkenntnistheoretisch schwierigen Umstand zurückführt, dass große Teile der früheren deutschen Gesellschaft zu Verbrechern oder zumindest Kollaborateuren am Mord an den Juden werden konnten.[4] Wir, die Nachgeborenen, haben etwas mit den Verbrechen und dem Verschulden der damaligen deutschen Gesellschaft zu tun, und wir können die Fakten nicht einfach ad actalegen, selbst wenn wir meinen, sie zur Genüge zu kennen. 

Die Erfindung der „Stolpersteine“ als personalisierte Form der Erinnerung 

Lars Östmann stellt fest, dass nach Vollendung der Erforschung der historischen Fakten der Fokus auf die Memorierung und Erforschung der Beziehung zwischen Geschichte und Erinnerung gelegt werden sollte. Er schlägt dafür eine Art „philosophische Archäologie“ dieses Verhältnisses vor, welche die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Gegenwart und Vergangenheit sowie zwischen historischem Gedächtnis und Geschichte in den Blick nimmt. Als Beispiel für das historische Memorieren führt er die Stolpersteine an, die seit Beginn der 1990er Jahre nach und nach in ganz Europa installiert wurden. Das vom Künstler Gunter Demnig erdachte Projekt sieht vor, einen Stolperstein als personalisiertes Denkmal am letzten Wohnort eines jeden Opfers zu verlegen. Im Oktober 2018 verlegte Demnig den 70.000. Stolperstein.[5] Mit dieser Größenordnung übertreffen die Stolpersteine als individualisierte Form des Gedenkens das generalisierte Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin.[6] Anlass für Demnigs Erfindung der Stolpersteine war die durch eine 16 km lange Schriftspur markierte Strecke, auf der SS und Gestapo in Köln Sinti und Roma zum Abtransport in die Vernichtungslager getrieben hatten. Zu dieser Spur gab es laut Demnig einen vor dem Kölner Rathaus versenkten Stein, auf dem Instruktionen zur Verschleppung der Sinti und Roma samt Verwaltungsanordnungen eingelassen waren. Dieser Stein gilt als Vorläufer der heutigen Stolpersteine, die jeweils ein Unikat bilden, wie auch „jeder Mensch einmalig ist“.[7]

Mit den Stolpersteinen wurde ein dezentralisiertes Gedenken geschaffen, dass direkt in die Wohnviertel der Menschen gesetzt wird und somit verdeutlicht, dass es sich bei den Ermordeten um Menschen „wie du und ich“ handelte, die hier vor ihrer Verschleppung genauso lebten, wie alle anderen und zwar in genau den Wohnungen und Häusern, in denen wir heute noch zu Hause sind. Die Aufgabe der „Stolpersteine“ kann darin gesehen werden, dem Betrachter die Verfolgungen vor Augen zu führen und zu sagen, wer in den Häusern lebte und wie das weitere Schicksal der früheren Bewohner aussah. Ein wichtiges Anliegen der Stolpersteine besteht also darin, den Menschen ihren Namen wiederzugeben und auf ihre individuellen Schicksale aufmerksam zu machen.[8]

Die Stolpersteine stellen als personalisierte Form der Erinnerung (memory) eine Beziehung zu den Opfern her, die aus dem „Dritten Reich“ deportiert und ermordet wurden (fact).[9] Insofern liegt der Fokus der Darstellung nicht auf dem historischen Faktum der Ermordung vieler Menschen und der abstrahierenden Verallgemeinerung. Den Getöteten wird mit den Stolpersteinen vielmehr ihre Identität und Individualität zurückgegeben, wobei es sich nicht ausschließlich um eine Gedenkform für die jüdischen Opfer, sondern auch für politisch Verfolgte, Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Opfer der Militärjustiz, Zwangsarbeiter, „Euthanasie“-Opfer und im Nazi-Jargon als „Asoziale“ sowie „Wehrkraftzersetzer“ bezeichnete Personen handelt. Stolpersteine für Kriegstote und Bombenopfer lehnt Demnig ab.[10]Somit ist das Projekt ein klares Bekenntnis zum Andenken an dezidiert vom nationalsozialistischen Terrorregime verfolgte Personen sowie eine deutliche Abkehr von der Idee, deutsche Kriegstote in das Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Verfolgungspolitik mit einzubeziehen, womit die Grenzen zwischen zufälligen Kriegsopfern sowie im Krieg zu Tode gekommenen Tätern und gezielt vom verbrecherischen NS-Regime Verfolgten in unzulässiger Weise verwischt würden. 

Von der Abstraktion zur Konkretisierung des Gedenkens: Der Mensch hinter der Zahl

Die Verbindung zwischen dem individualisierten Erinnern und der abstrakten Dimension des Holocaust trägt dazu bei, dass die kalten Zahlen mehrerer Millionen Ermordeter mittels personalisierter Gedenksteine in die Vorstellung realer Menschenleben transformiert werden, deren Verfolgung und Vernichtung bei Betrachtung der Stolpersteine ein greifbares Phänomen wird, weil die im Boden eingelassenen Namen und Daten den unverrückbaren Beweis ihrer Existenz liefern. Die ausgelöschten Menschenleben sind quasi in Stein gemeißelt. Abstrakte Zahlen werden somit durch fassbare Schicksale ersetzt: Der Betrachter wird mit Namen, Geburtsdatum, Deportationstag und -ort sowie dem mutmaßlichen oder bekannten Tag der Ermordung der früheren Bewohner des Hauses konfrontiert. Stehen mehrere Gedenksteine in einer Gruppe vor dem Haus, kann man anhand der gleichen Nachnamen sowie der Geburtsdaten oftmals erahnen, dass es sich wahrscheinlich um jüdische Familien handelte, die oft noch nicht einmal zusammen verschleppt, sondern vor ihrer Ermordung auseinandergerissen wurden, wie die dokumentierten Deportationsorte und -daten zeigen. Diese Gedanken ereilen womöglich den Betrachter, der über eine solche Gruppe von Gedenksteinen „stolpert“. Wir erfahren von dem Menschsein der Verfolgten an ihrem Wohnort, in ihrem Haus, in ihrer Familie und neben ihren Nachbarn. Wie sind die Nachbarn mit der Erfahrung der Deportation ihrer meist jüdischen Mitbewohner wohl umgegangen? War es ihnen egal, freuten sie sich auf die Gelegenheit der materiellen Bereicherung am Hab und Gut ihrer jüdischen Nachbarn oder waren sie vielleicht empört über die Behandlung ihrer Mitmenschen? Wir wissen es nicht, doch als historisch und politische bewusste Menschen beschäftigen wir uns bei Betrachtung der Stolpersteine jedenfalls mit diesen oder ähnlichen Fragen, die wir uns anderenfalls trotz des Wissens um die historischen Fakten möglicherweise niemals stellen würden. 

Durch die Stolpersteine werden die Monstrosität und Unfassbarkeit von Auschwitz als Synonym für den gesamten Holocaust aufgebrochen und in nachvollziehbare, individuelle Schicksale der Opfer aus unserer Nachbarschaft übersetzt. So fern und unfassbar uns die Hölle von Auschwitz auch erscheinen mag, so nah und fassbar sind doch die persönlichen Geschichten der Opfer aus der Nachbarschaft, die wir bei Betrachtung der Stolpersteine erahnen können. Das künstlerisch gestaltete Denkmal erbringt somit laut Salomon Korn zumindest einen Teil der Erinnerungsarbeit, die das „Kollektiv“ nicht mehr leistet, wobei das Denkmal als sichtbare Materialisierung der Erinnerung nur dann seine Funktion erfülle, wenn es dialogisch wirke: Es müsse im Betrachter etwas ansprechen, was in ihm ansatzweise schon vorhanden sei und sich ansprechen lasse. Gelinge dies nicht, dann schwinde beim Betrachter die historische Erinnerung sowie die Möglichkeit des dialogischen Prinzips zwischen Mahnmal und Betrachter. Ein gegenständliches Mahnmal setze insofern einen interessierten, informierten oder wissenden Betrachter voraus, was in letzter Konsequenz bedeute, dass Denkmäler allein keine Versicherung gegen Vergessen sein könnten.[11]

Die Stolpersteine verlangen keine physischen, ethnischen, politischen oder andere Kriterien. Die Frage danach, ob jemand aufgrund von Antisemitismus, „Euthanasie“, sexueller Orientierung oder anderer Faktoren ermordet wurde, spielt bei dieser Form der Repräsentation keine Rolle. Ziel der Stolpersteine ist nicht die Neu-Definition des Holocaust, der Schoah oder gar des Genozids oder des Rassismus. Es geht vielmehr darum, die Individualität und das Menschliche eines jeden Opfers in den Vordergrund zu stellen.[12] Die Intention der Stolpersteine liegt nicht allein darin, die Ermordung der Opfer ins Bewusstsein zu rufen. Gezeigt wird darüber hinaus, dass Opfersein eine noch viel weitere Dimension als die finale Vernichtung umfasste, denn vor der Deportation und der Ermordung kam es ja bereits zur Zerstörung des alltäglichen Lebens und der Aufhebung des rechtlichen Status als Staatsbürger oder Staatsbürgerin. Die Stolpersteine vergegenwärtigen und dokumentieren insofern die Tatsache, dass die Deportation von zu Hause und das Herausreißen aus dem Alltag die Tür zu den Konzentrationslagern öffneten und den ersten Schritt in die potenzielle Vernichtung bedeuteten.[13]

Die gesellschaftliche Kontroverse um die „Stolpersteine“

Die öffentliche Reaktion auf dieses künstlerische Projekt wird in der Wissenschaft durchaus unterschiedlich wahrgenommen. Die Stolpersteine sind laut Östman eine populäre Form des Gedenkens. Sie träfen auf relativ wenig Widerstand und seien kaum Vandalismus ausgesetzt. In München allerdings setzte sich die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, vehement gegen die Installierung der Steine ein, mit der Begründung, es sei unerträglich, dass auf den im Boden eingelassenen Namen der ermordeten Juden herumgetreten würde. Gegner der Stolpersteine argumentieren generell, dass die Opfer ihre Würde verlören, liefe man auf ihnen herum.[14]

Juliane Reil weist im Gegensatz zu Östmann darauf hin, dass sich das lediglich als rein theoretisch angelegte Konzept in seiner praktischen Umsetzung zu einem in der Öffentlichkeit kontrovers diskutierten Denkmal entwickelt habe, das durchaus auf harsche Kritik und starke Ablehnung stoße.[15] Die wichtigste Frage, welche die unterschiedlichen Reaktionen auf die Stolpersteine provozieren, sei, ob Demnigs Gedenksteine eine angemessene Form des Gedenkens an die Opfer darstellen. Das Beispiel der Stadt München zeige, welche Argumente Gegner des Stolpersteinprojekts ins Feld führen. Über bestimmte Vorbehalte und eine ablehnende Haltung gegenüber den Stolpersteinen hinaus gebe es auch Formen des Vandalismus gegen die Stolpersteine, die oftmals einen rechtsextremen Hintergrund hätten.[16]

Die Kontroverse um die Stolpersteine lässt sich am besten an der Entwicklung des Projekts in München ablesen: Als die Umsetzung in München im März 2003 beginnen sollte, wurde vom Ältestenrat der Stadt empfohlen, keine Gedenksteine verlegen zu lassen. Man befürchtete, dass die in den Boden eingelassenen Steine für die NS-Opfer schnell übersehen werden und „auch fahrlässige oder mutwillige Beschädigung die gute Absicht ins Gegenteil verkehren könnten“.[17] Die ablehnende Haltung der Stadt München, die nicht zu einer „Inflationierung der Gedenkstätten“ beitragen wolle und außerdem „Unbehagen“ beim Einlassen der Namen der Opfer in den Boden verspüre, stieß auf vielfachen Protest der Bevölkerung. Entscheidend für die Ablehnung der Gedenksteine war wohl die Meinung der Repräsentanten der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern um Charlotte Knobloch, die die Idee, Opfernamen im Gehweg einzulassen, als „abscheulich, entsetzlich und unerträglich“ empfinden.[18]Allerdings gab es von jüdischer Seite auch viele positive Stimmen, die das Projekt unterstützen und würdigen – so auch die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel.[19] Ermutigt durch die Unterstützung setzten sich Peter Hess und Gunter Demnig im Mai 2004 über die Empfehlung der Stadt München hinweg und verlegten ohne städtische Einwilligung zwei Stolpersteine als „Denkanstoß“ für München. Diese wurden am 16. Juni 2004 wieder entfernt und die Stadt verbot im Anschluss durch offiziellen Beschluss die Verlegung der Steine im Stadtgebiet. Trotz dieses Verbots bemüht sich die Initiative „Stolpersteine für München“ um die Verlegung der Steine, die nun gelegentlich auf Privatgrund gesetzt werden, um das Verbot zu umgehen. Im Frühjahr 2015 machte der damalige CSU-Stadtrat Marian Offman einen Kompromissvorschlag, mit dem Stolpersteine grundsätzlich genehmigt werden sollten, das Initiativrecht bzw. die Erlaubnis zur Verlegung der Steine jedoch bei den Angehörigen der NS-Opfer belassen werden sollte. Auch das Urheberrecht des Künstlers Demnig sollte im Hinblick auf die Beschriftung der Steine eingeschränkt werden. Die von Demnig in Parenthesen gesetzten Zitate aus Nazi-Akten unter den Namen der Opfer, z. B. „Gewohnheitsverbrecher“ oder „Rassenschande“, könnten auf Hinterbliebene der Opfer irritierend und verletzend wirken. Letztendlich kam es noch zu keiner Einigung, die Verlegung der Stolpersteine wurde vom Stadtrat wieder abgelehnt.[20]

Der Umstand, dass die Steine in den Gehweg eingelassen und somit betreten werden können, scheint auch bei den Hinterbliebenen der Opfer das wichtigste Gegenargument zu sein. Genannt wird in der Gegnerschaft auch „die Sorge einer möglichen ‚Stigmatisierung der heutigen Bewohner und Bewohnerinnen‘, vor deren Wohnhäuser Steine verlegt werden“.[21] Zudem werde „befürchtet, dass die Angehörigen von Tätern und Täterinnen ‚traumatisiert‘ werden könnten“.[22] Weiterhin komme es manchmal zu Protest von Hauseigentümern, die eine Minderung des Immobilienwertes ihres Hauses oder Grundstücks durch Stolpersteine befürchteten. Bisher hat sich die Stadt München auf die Seite der Gegner der Stolpersteine gestellt, wodurch sie sich den Vorwurf gefallen lassen muss, diejenigen Bürger, welche bereit sind, für diese Form des Denkmals Patenschaften zu übernehmen, in ihrem Wunsch zu übergehen.[23]

Wenn es darum geht, den Opfern des Nationalsozialismus ein würdiges Andenken an ihrem letzten Wohnort zu setzen, kann es jedoch nicht um die finanziellen Interessen der heutigen Bewohner und schon gar nicht um die Empfindungen der Täter-Angehörigen gehen, welche sich den Taten ihrer Vorväter und -mütter stellen sollten. Ein Denkmal dieser Art, das uns als Nachfolgegeneration auf die Verbrechen der Deutschen während des Nationalsozialismus stößt, mag wehtun und ungute Gefühle der Scham und Schuld hervorrufen. Im Angesicht des unermesslichen Leids, dass die damalige Generation von Deutschen anderen Menschen zufügte, müssen wir die Tatsache der Schuld und Verantwortung der vorigen Generationen aber aushalten. Das Trauma der Hinterbliebenen der Opfer wiegt ungleich schwerer als das der Täter-Angehörigen. Wir haben kein Recht, das persönliche Gedenken an die Ermordeten zu verhindern, sofern ihre Nachfahren dies wünschen. Zwar ist das Argument der Gegner der Stolpersteine um Charlotte Knobloch nachvollziehbar, dass man das Herumlaufen auf den Namen der Opfer als unwürdig empfinden mag, doch kann es nicht im genauen Gegenteil als ein überaus würdevoller Akt gesehen werden, den Verfolgten ein persönliches Denkmal an ihrem Lebensort zu setzen? Lasst doch Leute auf die Steine treten – es gibt trotz allem eine Reihe von feinfühligen und historisch bewussten Menschen, die innehalten, lesen und nachdenken. Eine gelungene Erinnerungskultur wird niemals die Geisteswelt und das Verständnis aller Menschen erreichen. Doch es sollte zumindest der Versuch unternommen werden, möglichst viele Menschen in ihrem Alltag aufhorchen zu lassen, und das kann durch dieses individualisierte Gedenken durchaus gelingen. Natürlich ist Vandalismus und Ignoranz nicht völlig auszuschließen, aber Friedhöfe schafft man auch nicht deshalb ab, weil bestimmte Individuen oder Gruppen dort herumvagabundieren und Steine beschmieren. Die Verursacher solcher Taten müssen mit juristischen Mitteln zur Rechenschaft gezogen werden. Schmierereien müssen sofort entfernt und öffentlich verurteilt werden. Doch einen Rückzug aus Angst vor dem unwürdigen Verhalten einiger weniger Personen darf es in der Erinnerung an den Holocaust niemals geben, weil man damit Antisemiten, Nationalisten und Ignoranten das Feld überließe und der gesellschaftlichen Tendenz zum Vergessen den Nährboden bereitete. Insofern stellt die simple These Salomon Korns einen wichtigen Leitgedanken für die zukünftige Erinnerungskultur dar: „Solange Gedenken aufrechterhalten und gepflegt wird, lebt auch die kollektive oder individuelle historische Erinnerung weiter.“[24]


[1] Zum Künstler Gunter Demnig und der Umsetzung des Projekts „Stolpersteine“ siehe: http://www.gunterdemnig.de/, eingesehen am 3.11.2019.

[2] Gerson, Daniel: Von der Leichtigkeit des Einfühlens in die Opfer und der Schwierigkeit des Verstehens der Täter. Zur Problematik der fehlenden Täterperspektive beim Gedenken an den Holocaust, in: Gautschi, Peter; Zülsdorf-Kersting, Meik; Ziegler, Béatrice (Hg.): Shoa und Schule. Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert, Zürich 2013., S. 139; S. 144.

[3] Korn, Salomon: Holocaust-Gedenken: Ein deutsches Dilemma, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament vom 17. Januar 1997 (= Bundeszentrale für politische Bildung), Bd. 3-4, Bonn 1997, S. 23-30; hier: S. 29.

[4] Gerson, Von der Leichtigkeit des Einfühlens in die Opfer, S. 144-145.

[5] Siehe hierzu Artikel der FAZ vom 22.10.2018: https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/kuenstler-gunter-demnig-verlegt-70-000-stolperstein-15851064.html, eingesehen am 9.9.2019.

[6] Östmann, Lars: The Stolpersteine and the Commemoration of Life, Death and Government. A Philosophical Archaeology, Bern 2018, S. 2.

[7] Wille, Ingo: Stolpersteine gegen das Vergessen, in: Zwanzig Jahre Hamburger Gesellschaft für jüdische Genealogie e.V., Hamburg 2016, S. 33-47; hier: S. 34-35.

[8] Reil, Juliane: Erinnern und Gedenken im Umgang mit dem Holocaust. Entwurf einer historischen Gedächtnistheorie, (= Edition Kulturwissenschaft, Bd. 168), Bielefeld 2018, S. 63.

[9] Östmann, The Stolpersteine and the Commemoration, S. 6.

[10] Wille, Stolpersteine gegen das Vergessen, S. 36.

[11] Korn, Holocaust-Gedenken: Ein deutsches Dilemma, S. 23-24.

[12] Östmann, The Stolpersteine and the Commemoration, S. 17.

[13] Ebd., S. 16-17.

[14] Ebd., S. 12-13.

[15] Reil, Erinnern und Gedenken, S. 57.

[16] Ebd., S. 85.

[17] Vgl. dazu Brief des Oberbürgermeisters der Stadt München, Christian Ude an Peter Hesse, betr.: Projekt „Stolpersteine“, Az-D-HA II 42/S- 03/2, vom 23.07.2003, zitiert nach: Reil, Erinnern und Gedenken, S. 85.

[18] Ebd., S. 86.

[19] Reil, Erinnern und Gedenken, S. 87.

[20] Ebd., S. 85-90.

[21] Ebd.

[22] Reil, Erinnern und Gedenken, S. 85-90.

[23] Ebd.

[24] Korn, Holocaust-Gedenken: Ein deutsches Dilemma, S. 23.

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Kriegsdenkmal Stellingen

Helena Neumeier

„1914-1918 – Unseren Gefallenen zum Gedenken“ und „1939-1945 – Unseren Kriegsopfern draussen und daheim“ – Zwei nebeneinanderstehende Granittafeln, getrennt und gerahmt durch drei Pfeiler aus Ziegel, tragen jeweils eine der Inschriften in ihrer Mitte. Unter den metallenen Lettern ragen zwei graue kantige Steine hervor. Das Denkmal ist leicht angehoben, drei Stufen führen zu den Tafeln hoch. Vor dem Denkmal befinden sich eine kleine Grünfläche und ein paar Bäume. Einige Meter entfernt steht die Backsteinkirche der Evangelisch-Lutherischen-Gemeinde Stellingen sowie ein Friedhof. Einmal jährlich, am offiziellen Volkstrauertag, findet an diesem Ort eine Kranzniederlegung statt. Ein Archivfoto aus den 1970er Jahren zeigt eines dieser Treffen mit einem Pastor, Männern in militärischer Trauerkleidung und verschiedenen Blumengestecken zu Ehren der Gestorbenen.[i] Obwohl, oder gerade weil, das Kriegsdenkmal in Stellingen kein prominentes ist, im Vergleich zu anderen Erinnerungsorten Hamburgs verblasst und von dem*der gemeinen Spaziergänger*in  zumeist übersehen (oder ignoriert?) wird, lohnt eine Auseinandersetzung. Das Kriegsdenkmal in Stellingen ist eines von vielen Kriegsdenkmälern, die still und unbemerkt viele Jahrzehnte nach ihrer Errichtung öffentlichen Raum prägen.[ii] In fast jedem Dorf und jeder Stadt begegnet man ihnen beiläufig. Meist beziehen sie sich auf einen oder beide Weltkriege.[iii] Um sich dem Charakter des Denkmals anzunähern, wird im vorliegenden Text zunächst die Geschichte der Errichtung umrissen. Ebenfalls wird die Konstituierung des Gedenkgegenstands sowie sein Wandel im Laufe der Zeit beleuchtet und die (lokal-)politische Dimension der jährlichen Feierlichkeiten zum Volkstrauertag diskutiert.  

1959 wurde das heutige Denkmal von der Ev.-Luth. Kirchengemeinde bei dem der Gemeinde nahestehenden Architekten Kurt Quednau in Auftrag gegeben.[iv] Anlass war der Verfall des 1922 errichteten Ehrenhügels für die im ersten Weltkrieg gestorbenen Soldaten, welches ersetzt werden sollte.[v] Der Begriff des Ehrenmals, welcher zu dieser Zeit noch üblich war, wurde ab den 1950er Jahren zunehmend durch den Begriffe wie „Kriegsopfermal“ oder „Mahnmal“ substituiert, um die Heroisierung zu entschärfen und durch Krieg verursachtes Leid  im Gedenken sichtbar zu machen.[vi]

Die Errichtung des ersten Gedenkortes erfolgte auf den „Wunsch vieler Angehöriger, [..] im Ort eine Stätte zu besitzen, die zum Gedenken und zur Einkehr auffordern würde“[vii], so der spätere Pastor Hans Kähler. Über mehrere Jahre und unter großen Anstrengungen wurde das Geld von den Stellinger Gemeindeanhänger*innen in den Nachkriegsjahren zusammengetragen. Den Hügel samt Tafel mit den Namen der gestorbenen Soldaten errichteten Freiwillige. Ausgestaltung und Lage wurden zuvor diskutiert. Wie emotional die Gestaltung des Denkmals gestritten wurde, zeigt ein Beitrag in einer Lokalzeitung im November 1919, in der Veteran Bialeck sich entrüstet äußert: „Welche Gründe vorliegen, ein Denkmal gewissermaßen zu verstecken, wird nicht erwähnt. […] Wenn man an uns aus dem Felde Heimgekehrten schon gespart hat […] dann soll man doch wenigstens unseren gefallenen Kameraden die Ehre zuteil werden lassen, daß ihr Denkmal auf einem Platz steht der jedermann leicht zugänglich ist. Es darf nicht nur an heute gedacht werden, sondern man muß mit der Zukunft rechnen, und für diese müssen Anlagen geschaffen oder doch wenigstens vorgesehen werden.“[viii]

Später sollte das Denkmal direkt an der Straße gebaut werden. Der Pastor schreibt stolz, dass die Arbeit am Denkmal „alle Kreise unserer Bevölkerung kameradschaftlich verband.“[ix] Die vielseitig genuzten Partizipationsmöglichkeiten für die ansässige Bevölkerung,[x] sowie ihr starkes Engagement verweisen auf einen breiten politischen Konsens und einen hohen Identifikationsgrad mit einem Nationalgefühl, welches das Denkmal zu vermitteln suchte. In einem Gedicht des Pastors Johann Kähler von 1926, welches er nach eigenen Angaben „bei Sonnenuntergang, ehe der Efeu auch den Denkstein grün einhüllt[xi] schrieb, tritt dieses pathetische Moment deutlich hervor: „Die Sonne stirbt, der Erde heißes Herz./ Noch einmal rührt ihr Kuß das kalte Erz/  Zweihundert/ Namen – Zufallsspiel?? –/ War dennoch keiner, der vergeblich fiel.[xii] Schicksalshaft und mithilfe schwülstiger rhetorischer Figuren bekommen die Tode der 200 Soldaten in Kählers Erzählung einen Sinn. Funktion von Kriegsdenkmäler wie dem in Stellingen war es, eine kollektive nationale Identität zu konstituieren bzw. zu stabilisieren.[xiii]

Mehrere Umstände führten dann jedoch zum Verfall des ersten Denkmals: Aus pragmatischen Gründen wurden viele Bäume abgeholzt, sodass der angedachte Hain um den Hügel nicht zustande kam. Zudem wurde die Bepflanzung nur noch unzureichend gepflegt und der Hügel von Kindern zur Spielstätte umfunktioniert. Dass die Kupferplatte gestohlen und die Fußwege aus stadtplanerischen Gründen aufgeworfen wurden, waren der Anlass für die Gemeinde in Stellingen, sich für die Errichtung eines Ersatzdenkmales zu entscheiden.[xiv]

Das zweite Denkmal wurde 1959 am Volkstrauertag, der noch „Gefallenensonntag“ genannt wurde, eingeweiht.[xv]Neben den gestorbenen Soldaten wurde nun auch den Kriegsopfern des II. Weltkrieges gedacht. Die Gestaltung des Nachfolgedenkmals fiel wesentlich dezenter aus. In den Aufzeichnungen über die Planung aus dem Jahr 1958 war noch eine andere, leicht abweichende Inschrift für die zweite Tafel vorgesehen: „Zum Gedenken der Opfer an der Front und in der Heimat“[xvi]. Der Grund für die Änderung geht nicht aus den aufgehobenen Dokumenten hervor. Ideologisch entschärfter ist jedenfalls die Formulierung, die heute auf der Tafel steht: „1939-1945 – Unseren Kriegsopfern draussen und daheim.“ Militärisches Vokabular, die „Front“ und die „Heimat“, auf die sich auch der Nationalsozialismus immer wieder berief, um die vermeintliche deutschen „Eigenarten“ zu beschreiben und die „Andersartigen“ organisiert zu verfolgen und zu morden, wurde nicht verwendet. Aber auch mit den gemachten Anpassungen blieben problematische Suggestionen über den Gegenstand des Gedenkens. Zum Beispiel die zweifelshafte Konstruktion des „Wir“. Wo ein „wir“ existiert, gibt es auch immer ein „ihr“, ein „die Anderen“. Das „wir“ ist in diesem Zusammenhang, wie bei anderen Kriegsdenkmälern auch, als ein nationales zu verstehen.[xvii] Da sich seit 1918 die Staatsgrenzen „Deutschlands“ und die Anforderung zur Staatsbürgerschaft mehrmals verschoben haben, bleibt bei der Frage der Zugehörigkeit allerdings ein sehr breiter Interpretationsspielraum. Umgebung, Symbolik und Entstehungsgeschichte legen einen bestimmten Deutungsrahmen entlang völkischer, rassifizierender Vorstellungen nahe. Auf dem nebenliegenden Friedhof ist eine kleine Grünfläche für die durch die Bombenangriffe gestorbener Zivilist*innen angelegt worden. „Die Liebe höret nimmer auf!“[xviii] steht auf einem Kreuz mit Engelsputte. Mehrere Grabsteine liegen nebeneinander, auf jedem Einzelnen Name, Geburtsjahr, Todestag und das Eisernes Kreuz. Obwohl  die jüdischen Deutschen, die auf den Stolpersteinen Stellingens stehen, oder den gestorbenen Zwangsarbeiter*innen, die in der zehn Minuten Fußweg entfernten Lederstraße von 1941 bis 1945 ausgebeutet wurden, nicht explizit ausgeschlossen werden, kann das Denkmal exkludierend auf manche Betrachter*innen wirken. 

Auch der Begriff „Kriegsopfer“ ist typisch für deutsche Erinnerungskultur. Die erste Tafel des Denkmals erweckt den Eindruck, es könnte sich ebenfalls um „Gefallene“[xix], um gestorbene Soldaten handeln. Nach der zunehmenden öffentlichen Thematisierung der Wehrmachtsverbrechen ab den 1960er Jahren wurde es schwieriger, den gestorbenen Soldaten ehrenvoll zu gedenken. Die Nivellierung der deutschen Soldaten als Opfer, gemeinsam mit gestorbenen Zivilist*innen, Vertriebenen, Verfolgten, millionenfach systematisch ermordeten Juden und Jüdinnen, ermöglichte das Gedenken an sie wieder. In dieser Form des Erinnerns gibt keine Täter*innen, nur Opfer. Die Nationalsozialisten erhalten auf diese Art und Weise einem Charakter ähnlich einer Naturkaterstrophe. Doch entgegen dieser Darstellung auf dem Denkmal in Stellingen hatte die NSDAP, wie die geschichtswissenschaftliche Forschung der letzten Jahrzehnte immer wieder gezeigt hat, eine breite Basis in der Bevölkerung. Man spricht auch von einer partizipativen Diktatur.  

Korrekturen, Kontextualisierung, politische Interventionen gab es seit Eröffnung des Denkmales nicht. Dass das Kriegsdenkmal 2000 saniert wurde, [xx] es also einen Anlass gegeben hätte, um derartiges anzustreben, kann als Desinteresse gewertet werden. Die jährlich stattfindende Zeremonie, die Kranzablegung, bestätigt den Status quo. Die Kulturwissenschaftlerin Yvonne Robel warnt davor, „symbolische und rituelle Dimension von Politik […] nicht als nach außen gewandte Degeneration von Politik[xxi] zu verstehen. Statt der Wiederholung eine mindere Qualität in Abgrenzung zur „richtigen“ Politik zu attestieren, wird sie als notwendig für politischen Handeln gewertet. In Bezug auf das Stellinger Denkmal würde dies bedeuten, der beschwichtigenden Aussage, dass es eben Tradition seien und sowie Kranzniederlegungen formalhafte, inhaltsleere Inszenierung seien, entgegenzusetzten, dass Konventionalität, damit einhergehende Wiederholbarkeit und Inszenierung notwendige Voraussetzung für jede Kommunikation sind.[xxii]

Gedenkpolitisches Reden und Handeln ist demnach als performativ zu verstehen, so Robel.[xxiii] Das Konzept der Performativität hat seinen Ursprung in der Sprachwissenschaft und bezeichnete das potenziell weltverändernde, transformative Moment, das einem Sprechakt innewohnt.  Sprache wird nicht nur deskriptiv verwandt, sondern bringt selbstreferenziell den Gegenstand, die Wirklichkeit hervor, auf den sie sich dann bezieht. Bei den meisten performativen Akten muss noch eine Reihe institutioneller und sozialer Bedingungen erfüllt sein. Sowohl Legitimität der Person, Umstände als auch korrektes Verfahren sind Faktoren für das Gelingen. Die Kulturphilosophin Judith Butler weitet den Begriff der Performativität Ende der 1980er auch auf körperlich Handlungen aus. Die performativen Akte konstituieren, so Butler, Identität.[xxiv] In Stellingen, so könnte man im Anschluss an diese Theorie sagen, geht es dabei um die Identität der lokalen Gemeinde. Da die Kirchengemeinde die Veranstaltung organisiert, ein Pastor die Zeremonie vollzieht,[xxv] sind auch die institutionellen Voraussetzungen erfüllt. Der Gegenstand, welcher mithilfe des jährlich stattfindendem Gedenkrituals hervorgebracht wird, betrifft die Dimension der Anerkennung bzw. der Nicht-Anerkennung.[xxvi] Durch die Würdigung wird dem erinnerten Gegenstand Relevanz zugesprochen. Die Relevanz speist sich jedoch nicht mehr aus dem Interesse, nahestehenden Personen zu gedenken, wie es zur Begründung des Denkmals noch hieß. 74 Jahre nach Kriegsende gibt es wahrscheinlich kaum noch Mitglieder der Gemeinde, die den Verstorbenen persönlich nahestanden. Damit ändert sich ein Stück weit auch der erinnerte Gegenstand. Von den konkreten Personen, den getöteten Soldaten und zerbombten Zivilist*innen hin zu einer allgemeineren Perspektive. Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann unterscheidet zwischen „Leidgedächtnis“ von Familien und „Schuldgedächtnis“ vom Staat in der Nachkriegsgesellschaft in Deutschland.[xxvii] Die Konstante, die bleibt, sei das Gedenken an die getöteten Deutschen, ohne Reflexion der Ursache, dem deutschen Faschismus. Der bestehende Widerspruch zwischen den beiden Gedächtnissen wurde nicht ausgetragen. Stattdessen hat sich in Stellingen eine Gedenkkultur jenseits des „Leidgedächtnisses“ und des „Schuldgedächtnisses“ herausgebildet. Die politisch problematischen Implikationen werden dabei nicht passiv hingenommen, sondern aktiv aufrechterhalten. In Zeiten, in denen einer der Fraktionsvorsitzenden der größten Oppositionspartei im Bundestag „das Recht“ einfordert, „stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“[xxviii], sollte man diesen Umgang noch einmal ernsthaft überdenken.


[i] Rickers, Peter (Hg.): Archivbilder Hamburg-Stellingen. 1937 bis 2000, Erfurt 2010, S. 103.

[ii] Die von der evangelischen Akademie der Nordkirche betriebe Website „DENK MAL!“, sammelt Fotos und Informationen zu Kriegsdenkmäler in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. Die Zusammenstellung bündelt Information und soll für Initiativen, die sich für Neu- und Umgestaltung von Denkmälern einsetzten, gegen Heroisierung von Soldat*innen, Geschichtsrevisionismus und Kriegsverherrlichung, Hilfestellung bieten. Siehe dazu Unbekannte*r Autor*in, DENK MAL!, URL: https://www.denk-mal-gegen-krieg.de/kriegerdenkmaeler/hamburg-a-d/. [zuletzt 11.10.19] 

[iii] Menkovic, Biljana: Politische Gedenkkultur. Denkmäler – Die Visualisierung politischer Macht im öffentlichen Raum, Wien 1998 [Vergleichende Gesellschaftsgeschichte und politische Ideengeschichte der Neuzeit, Bd. 12], S. 4.

[iv] Quednau entwarf auch andere Gebäude für die Kirche und im Stadtteil. Kähler, Hans: Kirchliche Chronik. Stellingen-Langenfelde, 1967 Hamburg, S. 87-89. 

[v] In Stellingen waren es 216 Tote. Siehe ebd., S. 42.

[vi] Menkovic 1998, S. 11.

[vii] Zit. nach ebd.

[viii] Zit. nach ebd. S. 44.

[ix] Ebd. S. 43.

[x] Auf einem Bild in dem Buch des Pastor Johann Kählers sieht man 16 Personen mit Schaufeln beim Aufwerfen des Hügels. Auch Kinder beteiligten sich. Kähler, Johann: Wie Stellingen Langenfelde wurde, 1933 Hamburg, S. 252.

[xi] Zit. nach ebd., S. 251.

[xii] Zit. nach ebd.  

[xiii] Menkovic 1998, S. 3.

[xiv] Kähler 1967, S. 109 f. 

[xv] Ebd. 

[xvi] Zit. nach Akte Stellinger Kirchenarchiv, Bauprüfungsantrag der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde, 24. Juli 1958, ohne Blattzählung. 

[xvii] Hardtwig, Wolfgang: Denkmal, in: Bergmann, Klaus/ Fröhlich, Klaus/ Kuhn, Anette/ Rüsen, Jörn/ Schneider, Gerhard: Handbuch der Geschichtsdidaktik, 5. Aufl., 1997, S. 749

[xviii] Zit. nach Grabeskreuz auf dem Stellinger Friedhof. 

[xix] Der Begriff „Gefallene“ stilisiert die gestorbenen Soldaten als aufrechte Kämpfer, die mit zum Tod „stehen“ und weist somit auf die vermeintliche Furchtlosigkeit und Opferbereitschaft hin. 

[xx] Rickers, Peter (Hg.): Archivbilder Hamburg-Stellingen. 1937 bis 2000, Erfurt 2010, S. 103. 

[xxi] Zit. nach Robel, Yvonne: Konkurrenz und Uneinigkeit. Zur gedenkpolitischen Stereotypisierung der Roma, in: End, Markus/ Herold, Kathrin/ Robel, Yvonne (Hg.) Antiziganistische Zustände. Zur Kritik eines allgegenwärtigen Ressentiments, Münster 2009, S. 126.

[xxii] Fischer-Lichte, Erika: Performativität. Eine Einführung, 3. Aufl., Bielefeld 2016, S. 39.

[xxiii] Robel 2009, S. 129.

[xxiv] Fischer-Lichte 2016, S. 37-43.

[xxv] Siehe die Beschreibung der Kranzniederlegung zu Beginn des Textes. Rickers, Peter (Hg.): Archivbilder Hamburg-Stellingen. 1937 bis 2000, Erfurt 2010, 103.

[xxvi] Robel 2009, S. 126.

[xxvii] Kaiser, Alexandra: Von Helden und Opfern. Eine Geschichte des Volkstrauertags, Frankfurt am Main 2010, S. 268.

[xxviii] Zit. nach https://www.welt.de/politik/deutschland/article168663338/Gauland-fordert-Recht-stolz-zu-sein-auf-Leistungen-in-beiden-Weltkriegen.html [22.05.19]

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Quelle: eRecht24

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